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KAYA - EINE WUNDERSAME REISE | 9

Blog 9 (Teil 1 von Kayas wundersamer Reise ist HIER zu finden)

Unser grösster Ruhm liegt nicht darin, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen, wenn wir gescheitert sind.
— KONFUZIUS
 

…..Panikattacke, alte Freundin, ich danke dir für deine Hilfe.

Auch wenn ich an dieser Stelle ein wenig vorgreifen muss, möchte ich euch doch anhand einer Geschichte erzählen, wie Frauli gelernt hat, diese kleinen, ihrer Meinung nach durch und durch bösartigen und scheinbar aus heiterem Himmel eines nicht besonders gnädig gestimmten Lebens auftretenden Angstzustände zu überlisten:

Sie hat mit der Zeit zwei ganz wesentliche Dinge für sich erkannt: Erstens, und das war schon einmal sehr beruhigend in einer solchen Situation - „Ich werde nicht sterben.“ - Jackpot - Darauf kann man aufbauen und sich zusätzlich zum Mobiltelefon, worin natürlich die wichtigsten Notfallnummern gespeichert sind, festhalten. Zweitens: „Ich bin mal wieder auf dem falschen Weg und gerade dabei etwas zu tun bzw. zu denken, das absolut nicht gut für meine persönliche Entwicklung und mein weiteres Leben ist.“ Frauli fühlte sich sehr erleuchtet durch diese Erkenntnisse.

Gestärkt durch eben diese beiden Thesen und immer in der Gewissheit, dass für absolute Notsituationen – Höchststufe der Panikattacke sozusagen - dann doch ein Beruhigungsmittel, dieses anzurühren Frauli allerdings nie mehr wieder für notwendig gehalten hatte, im Haus wäre, gelang es ihr von Zeit zu Zeit besser, diese kleinen Monster lieb zu gewinnen und auf sie zu hören: „Annehmen und nicht dagegen ankämpfen“ war eine jener Weisheiten, die das Leben Frauli zur damaligen Zeit lehrte und welche sich auf so ziemlich jede unangenehme Situation anwenden lässt.

Als erstes wurde dann also nach dem so aufreibenden und keineswegs in Fraulis Bild eines harmonischen Lebens passenden Ereignis vom Parkplatz, der Tatsache ins Auge geblickt, dass an der Situation mit unseren Pferden definitiv ein Veränderungsbedarf besteht. Das Problem: Wir konnten es uns mit dem monatlichen Budget von 400 Euro, das uns der nette Finanzberater aufoktroyiert hatte, nicht leisten, die durch ihren ideellen Wert so besonderen Vierbeiner in einem anderen Stall unterzubringen. Am damaligen Hof ihrer Bekannten arbeitete Frauli nämlich für Kost und Logis ihrer Rösser täglich mit, indem sie auch die Boxen der dort heimischen Stallbewohner sauber hielt und jene auf die ihnen angestammten Weiden brachte – eine Aktivität, die zumindest ihrer Figur sehr wohl bekommen hatte.

Also erinnerte sich das zu diesem Zeitpunkt höchstens abergläubische Frauli daran, dass diese Geschichte mit dem Beten ja schon zweimal eine himmlische Antwort in Form einer positiven Veränderung brachte, und so entschied sie sich, es auch ein drittes Mal auf einen Versuch ankommen zu lassen. Aladin hatte von seinem Dschinni aus der Wunderlampe ja immerhin auch drei Wünsche gewährt bekommen, also könnte es prinzipiell auch bei Frauli funktionieren. Zu diesem Zwecke setzte sie sich im Vertrauen, dass von hier aus die Verbindung nach Oben bestimmt genauso gut herzustellen ist, wie in einem, ob der dort herrschenden Kälte und des penetranten Geruches nach Weihrauch nicht besonders zu ihren Lieblingsorten zählenden Gotteshäusern, in den Wald. So - und wie betet man nun? In diesem Augenblick ärgerte sich Frauli sehr darüber, dem schulischen Religionsunterricht nur bis zum gesetzlich verpflichtenden Zeitpunkt beigewohnt und sich dann trotz väterlichen Protestes sofort abgemeldet zu haben, beschloss allerdings, es auf ihre ganz persönliche Art und Weise zu probieren. So saß sie dann auf einem Baustamm, erklärte Gott ihre Situation und trat mit dem ihrer Meinung nach doch eher bescheidenen Wunsch an diesen heran, ihr doch bitte zu helfen, die Pferde behalten zu können und einen Stall ein wenig näher unserer Bleibe zu finden. Sie sprach sehr lange, die allmähliche Verspannung im Nacken ignorierend, zu den Wolken hinauf, denn dort, so wurde es ihr zumindest im Kindergarten erklärt, wohne ja schließlich dieser himmlische Vater mit all seinen Engeln.

Allmählich stellte sich eine in der Form noch nie dagewesene und für das an Panikattacken und einer angeborenen Unruhe leidende Frauli, völlig ungewohnte Ruhe ein und sie begann Gefallen an diesem ungewöhnlichen Gespräch zu empfinden - „Meine Güte, meine Liebe, du warst drei Wochen in einer psychiatrischen Klinik- da haben die Leute, falls dich hierbei jemand beobachten sollte, doch bestimmt Verständnis dafür, dass du auf einem Baumstamm sitzt und Selbstgespräche führst“ - versicherte sie sich selbst ob der doch noch ungewohnten Situation. Als sie dann der Meinung war, ihre Wünsche ausreichend klar und unter Betonung ihrer Dringlichkeit formuliert zu haben, bedankte sich Frauli bei ihrem dankbaren, da auf jeglichen Widerspruch verzichtenden Zuhörer und machte sich auf den Nachhauseweg - allerdings ohne das einst gelernte Kreuzzeichen durchzuführen, da sie der Meinung ist, dass man das da „Oben“ bestimmt nicht so genau nehmen würde und jemand, der vom Schicksal dafür ausgewählt, ohne Arme auf die Welt gekommen ist, ja gar nie „ordentlich“ beten könnte.

Ein paar Tage (keine Wochen oder Monate) vergingen, als ihr ein guter Bekannter mitteilte, dass nur 5 Minuten von unserer Bleibe ein Bauernhof liegen würde, dessen Besitzer einst selbst Pferde hatte, diese Räumlichkeiten nun allerdings leer stünden. Wir sollten doch einfach einmal hinfahren – unser Besuch sei schon angemeldet. „Danke“ - war alles, was Frauli in diesem Augenblick denken konnte, denn alles andere, wie zum Beispiel „es funktioniert“, schien ihr ob dieser raschen Antwort auf ihr noch etwas unsicheres Gespräch mit „Oben“ nicht passend und ausreichend wertschätzend zu sein. Wenn man jemanden am Telefon anruft und der sich drei Tage später noch an das Gespräch erinnert, oder wenn man etwas im Internet bestellt und es ein paar Tage danach geliefert bekommt, ist man ja schließlich auch nicht erstaunt über diese Reaktionen, geschweige zweifelt man an der Existenz der Kontaktierten.

Also machten wir uns mit Fraulis Freundin, welche die Adresse jenes Hofes kannte, der unser rettender Hafen sein sollte, auf den Weg, um den dort wohnenden Bauern davon zu überzeugen, dass er ja schon sein halbes Leben nur darauf gewartet hätte, Frauli samt ihrem Ponyzirkus auf unbestimmte Zeiten zu adoptieren. Der bereits etwas ältere und äußerst tierliebe Herr, wie wir ob der unzähligen dort herum wuselnden Viechlein zufrieden feststellen konnten, war unserer Bitte keineswegs abgetan, zumal Frauli ihm versicherte, zweimal am Tag selbst für die Versorgung ihrer Tiere auf der Matte zu stehen und für das Mieten des Stalles etwas, wenn auch nicht gerade viel, zu bezahlen. „Dann wollen wir einmal mit meiner Frau darüber sprechen - die möchte nämlich keine Pferde mehr am Hof haben,“ sprachs und lud uns in die gemütliche Küche seines Anwesens ein. „Scheiße“ - noch immer sehr häufig in Verwendung - „eine solche Bäuerin stand aber nicht auf meinem Wunschzettel, liebe „Ihr-da-Oben“,“ seufzte Frauli kurzfristig ein wenig resigniert, um sich gleich darauf vor gefürchteter lokaler Signora, die in einem samtgrünen Morgenrock ihren Gemächern im ersten Stock entstieg, von ihrer besten Seite zu zeigen. „Con grande cuore – mit viel Herz“ war einer der Leitsprüche von Fraulis Familie, insbesondere ihrer italophilen Mama, die fast jedes Mal in Tränen ausbrach, wenn sie den Boden unseres südlichen Nachbarlandes und ursprüngliche Heimat ihres Vaters betrat, und so versuchte Frauli mit besagter Hofbesitzerin auf Herzensebene zu kommunizieren. Nach zig innerlichen Schweißausbrüchen und etlichen Stoßgebeten nach „Oben“, man möge sich doch bitte an Fraulis deutlich definierte Wunschliste erinnern, willigte la Signora schließlich ein, uns allen eine Probezeit bis Sommer zu gewähren. Frauli fiel wohl in diesem Moment ein Stein so groß wie die gesamte Gebirgskette der Alpen vom Herzen, und der baldige Umzug der Rösser wurde, was sich sehr positiv auf Fraulis Gefühlsleben auswirkte und etwaigen Panikanfällen diesbezüglich keinen Raum mehr bot, geplant. Diese traten erst dann wieder auf, als es für Frauli wieder galt diverse Einstellungen loszulassen und notwendige Veränderungen durchzuführen.

Wir sind, ein Jahr später, noch immer auf diesem Hof, dessen Bewohner ein Teil unserer kleinen Familie in der Südoststeiermark geworden sind, und in deren Herzen wir über all die Monate langsam trotz des von mir getöteten Huhns Einzug gehalten haben. Auch wenn unser größter Wunsch der ist, dass wir alle gemeinsam einmal ein kleines Anwesen bewohnen, möchte ich mich an dieser Stelle bei den beiden älteren Herrschaften und ihren beiden erwachsenen Kindern bedanken, dass sie uns so herzlich aufgenommen und eine so schöne Bleibe gewährt haben.

(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)

 

KAYA - EINE WUNDERSAME REISE | 5

Blog 5

Das Schicksal ist doch manchmal ein mieser Verräter

Kayas wundersame Reise - so fing alles an: TEIL 1 | TEIL 2 | TEIL 3 | TEIL 4

Wunderbar - wir hatten nun also drei Tage Zeit, um noch vor Silvester eine Wohnung für uns zu finden. Frauli hatte beschlossen, doch ein wenig näher Richtung Norden zu ziehen, um der gesegneten Autobahn, sprich der Zivilisation, ein Stückchen näher zu sein. Außerdem hat Frauli eine sehr liebe Freundin, die in eben besagter Richtung ihre Bleibe hat, und so wurde die Sache beschlossen: Wir ziehen in einen kleinen Ort mit netter Infrastruktur, einer schönen Gegend und bestimmt netten Menschen. Wie durch ein Wunder standen in diesem kleinen Städtchen gleich mehrere Mietwohnungen in einer alten Schule für einen raschen Umzug zur Verfügung (warum das so war, das wurde für uns erst nach und nach ersichtlich) und so wurde gleich für diesen Nachmittag ein Besichtigungstermin vereinbart. „Läuft ja alles wie geschmiert“, seufzte Frauli erleichtert, und beschloss sich erst einmal in Ruhe einen Kaffee in der Wintersonne zu gönnen. 
Als wir uns dann langsam auf den Weg zu eben erwähntem Termin machen wollten, bemerkte Frauli überrascht, dass sie ihren Autoschlüssel nirgendwo finden konnte. Alle Taschen wurden durchgesucht, das Zimmer mehrmals gründlich überprüft (was aufgrund seiner „Größe“ rasch erledigt war), der Weg zu den Pferden etliche Male abgeschritten - kein Schlüssel war zu finden. Zu dieser Zeit bewohnten das Gesundheitsgut keine Gäste mehr und auch das Personal befand sich bis auf den Stallburschen noch im wohlverdienten Weihnachtsurlaub. Dieser konnte zum Glück ausfindig gemacht werden, und Frauli fragte ihn sehr höflich, ob er zufälligerweise irgendwo einen Schlüssel aufgefunden hätte. „Haben gefunden - haben irgendwo hingelegt“ - war die mit zartem Ungarisch verfärbte, etwas ominöse Antwort. „Wie weggelegt?“, erwiderte ihm Frauli erstaunt, doch als Antwort bekam sie nur ein leicht süffisantes Lächeln und ein nicht näher definierbares, geheimnisvolles Kopfschütteln. „Arschloch“ darf man zwar nicht sagen, allerdings ist es durchaus manchmal gestattet, sich dieses Wort zu denken - und ruhig auch mehrmals hintereinander. Immer kann man halt nicht jedermann segnen. 

Entnervt rief Frauli ihre liebe Freundin an, um ihr die missliche Lage zu schildern, und diese bot an, den ganzen Weg nochmals zurück zu fahren, um uns beide zu holen. Ihr Verhalten lies Frauli das „Ars….“ rasch wieder vergessen, denn es war, wie gesagt, der 29.12.2015 und die Zeit drängte. Das weitere Suchen des Schlüssels wurde deshalb auf später verschoben, und wir machten uns auf den Weg, um unsere zukünftige Bleibe zu finden. Ich selbst war dabei sehr optimistisch, dass es bestimmt nichts Schlimmeres als unlängst besichtigte Bude mit durch die Wand wachsenden Bäumen auf dem menschlichen Immobilienmarkt geben konnte. Und ich sollte zum Glück Recht behalten. Wohnung Nummer 1 war Frauli zu alt und abgewohnt, wohingegen Wohnung Nummer 2 meiner Meinung nach keine gute Energie hatte, und so kackte ich, um mich Frauli mitzuteilen, das erste Mal in unserem gemeinsamen Leben mitten in ein Wohnzimmer - unter den Augen der fassungslos dreinblickenden Gemeindebediensteten. Das Malheur war rasch beseitigt, die Fenster zum Lüften geöffnet und wir machten uns daran, die dritte im Angebot stehende Wohnung zu besichtigen - und diese gefiel uns beiden sehr gut. Rasch, vielleicht auch um weitere absonderliche Darmaktivitäten meinerseits zu verhindern, wurde man sich einig und ein Termin für die Unterzeichnung des Mietvertrages am nächsten und somit vor Silvester letztmöglichen Tag vereinbart. „Das mit dem Strom wird sich allerdings nicht mehr vor Jahresende ausgehen“, entschuldigte sich die freundliche Dame, und so mussten wir uns gezwungenermaßen darauf einstellen, die ersten Abende bei gemütlichem Kerzenschein zu verbringen. Aber zumindest war unsere neue Behausung wohlig warm und barg nicht die Gefahr einer plötzlichen, unkontrollierbaren Rauchentwicklung. 

 

 

„Wie schön ist doch das Leben“ dachte Frauli gerade zufrieden bei sich, als die folgende Frage ihrer Freundin sie wieder auf den Boden der Realität zurückbrachte: „Sollten wir wegen deines Schlüssels nicht besser zur Polizei fahren?“ Wummms. Hallo Wirklichkeit. Frauli fand diesen Vorschlag auch ganz vernünftig, zumal besagter Stallbursche an diesem Tag gezwungenermaßen (ich denke ihr wisst, wie ich das meine) seinen letzten Arbeitstag am Gut hatte und wieder nach Ungarn zurückkehren musste. Versteht mich nicht falsch - wir beide gehören keinesfalls zu den Erdbewohnern, die Ungarn oder Menschen aus einem anderen Ausland in irgendwelche kriminelle Schubladen stecken - zumal ich ja selbst Rumänin bin - allerdings konnte Frauli am Morgen den Zorn dieses Mannes doch sehr deutlich spüren, und sie war sich nicht sicher, ob er nicht doch ihren Autoschlüssel geklaut hatte. 
Also wurde das Anstoßen auf die neue Wohnung auf einen anderen Tag verschoben und Frauli fuhr mit ihrer Freundin zur zuständigen Polizei. Zum Glück wurde ich zuvor auf mein Zimmer gebracht und gefüttert, denn die Bestandsaufnahme des Schlüsselverlustes dauerte ob des Mangels an Verbrechen in dieser Gegend geschlagene drei Stunden. Beendet wurde sie damit, dass zwei freundliche Polizisten mit den beiden Damen zum Gegenstand der nächtlichen Ermittlungen fuhren, um diesem eine gute, alte Wegfahrkralle anzulegen. Geschafft war dieser Tag, nachdem Frauli noch schnell ihren Papa gebeten hatte, ihr den Ersatzschlüssel, von dem keiner wusste, warum er sich dort befand, aus der Obersteiermark per Eilpost zu schicken. 
Der nächste Morgen kam und Frauli musste sich etwas einfallen lassen, um den Mietvertrag im etwa 20 km entfernten Städtchen unterschreiben zu können. Bis auf eine der Reinigungsdamen war nun wirklich niemand mehr am Gut, und Fraulis Freundinnen mussten zur vereinbarten Zeit alle arbeiten - wie vermutlich der Rest der Bevölkerung, der sich eben nicht gerade in Bildungskarenz befand. „Diese Frau ist meine einzige Hoffnung“, dachte sich Frauli, und so musste ordentlich verhandelt werden: Frauli versprach zum einen natürlich den Benzin zu bezahlen, und zum anderen zu helfen, die durch die Ausfahrt verlorene Arbeitszeit wieder einzuholen. Der Deal stand, und so wurde Frauli in einem etwas älteren Modell eines Opels von der hilfsbereiten Slowenin, die sich aufgrund eines hohen Sicherheitsbedürfnisses nicht schneller als 50 km/h zu fahren getraute, zur Unterzeichnung ihres ersten Mietvertrages chauffiert. Gerade rechtzeitig am 30. Jänner - denn am nächsten Tag mussten wir ausziehen. 
Um die Hilfsbereitschaft bzw. die Zeit der netten Dame nicht über die Maßen zu strapazieren, beschloss Frauli, sie nicht noch zusätzlich zu bitten, mit ihr zum Einkaufen zu fahren, sondern einfach das Essen ausfallen zu lassen. Ihr müsst wissen - zusätzlich zu unserem Zimmer hatten wir zwar Zutritt zu den anderen Räumen des Hauses, wie z.B der Küche, doch es befanden sich zu dieser Zeit keine Nahrungsmittel mehr am Gut, der Kaffee war auch ausgegangen und der Weinkeller in weiser Voraussicht verschlossen - sonst hätte Frauli diese Tage wohl in ihm verbracht. Einmal ein bisschen weniger zu essen schadet ja bekannterweise nicht, und so ließen wir diesen letzten Abend am Gut mit einem frühzeitigen Schlafengehen ausklingen  - wenn man schläft, spürt man auch den Hunger nicht so ;-)

 

 

Der 31. 12. war endlich gekommen - unsere Reise konnte beginnen: Und sie begann mit einem durch und durch schlecht gelaunten Frauli, da sie festgestellt hatte, dass ihr die Zigaretten ausgegangen waren. Ich verstehe ja sowieso nicht, warum sie sich den ekligen Rauch genüsslich in größeren Mengen jeden Tag in ihre Lungen ziehen muss, allerdings ist es sinnlos - und für mich auch unmöglich - mit ihr darüber zu diskutieren.  Also habe ich sie einfach dabei beobachtet, wie sie von Viertelstunde zu Viertelstunde immer unruhiger im Haus auf und ab lief - die Minuten zählend, bis ein lieber Freund kommen würde, um ihr beim Siedeln zu helfen, bis sie schließlich ein Taxi beauftragte, ihr im nächsten Ort eine Packung Zigaretten, und zwar eine sehr teure, zu holen. Was ist das nur für eine Sucht, dachte ich bei mir, die einen Menschen so fest im Griff hat, dass er dermaßen unentspannt und fahrig wird? Wie kann das Rauchen Genuss sein, wenn es zu solchem Unwohlsein führt? Lassen wir diese Fragen einfach einmal so im Raum stehen, ohne sie zu beantworten zu versuchen. 
Nach endlos langem, allerdings mit Zigaretten „versüßtem“ Warten, kamen am frühen Nachmittag zwei Freunde von Frauli, um ihr beim Siedeln in die neue Wohnung zu helfen und auch der aus der Obersteiermark geschickte Schlüssel sollte am Abend seine Besitzerin erreichen. So packten wir unsere Habseligkeiten in zwei Koffer und ebenso viele Schachteln, Frauli verstaute ihre alte Katze in der Transportbox und verschloss zum letzten Mal die Tür jenes Zimmers, das in den vergangenen zweieinhalb Monaten unser kleines Zuhause war. Mit großer Dankbarkeit in ihrem Herzen, für diese besondere Zeit in ihrem Leben. 

 

 

Falls sich jetzt vielleicht jemand die Frage stellt, wo denn die zweite Katze hingekommen ist, mit der wir ursprünglich eingezogen sind, so möchte ich das an dieser Stelle beantworten: Mimi - so hieß das Vieh - war durch und durch eine Freigängerin und nicht an das Leben in einer Wohnung oder gar in einem Zimmer gewohnt. Eines Tages konnte sie über das gekippte Fenster entkommen und sprang vom Dach in ihre so geliebte Freiheit hinab. Frauli wusste, dass sie ihre vierbeinige Freundin, die bereits in der Obersteiermark zur Tierfamilie gehört hatte, nicht mehr wiedersehen würde, allerdings hat sie zu diesem Zeitpunkt schon gelernt, dass zu einer Veränderung auch immer der eine oder andere Verlust gehören, aus dem dann auch wieder Neues entstehen kann. Ich persönlich war einfach nur froh, dass ich nun nur noch mit einer Katze mein Zuhause teilen musste. 

Am späten Nachmittag dieses Silvestertages kam Frauli auch endlich zu ihrem Ersatzschlüssel für das Auto, und so konnte die Polizei mit dem Entfernen der Wegfahrkralle beauftragt werden. Welch großer Segen dieses Ding für unser aller Zukunft war, erkannte Frauli, als sie das Auto aufsperren wollte: Es war nämlich bereits geöffnet, und als sie sich auf den Fahrersitz setzte, stellte sie erstaunt fest, dass dieser sehr weit nach hinten gefahren wurde. „Da saß wohl einer schon in meinem Auto“, witzelte Frauli, um dieses, in Erinnerung an diverse Horrorfilme, im nächsten Augenblick fluchtartig wieder zu verlassen, ungewiss, ob sie wirklich alleine da drinnen ist. Als sie mich jedoch entspannt hecheln sah, wurde die ursprüngliche Position wieder ein - und das Fahrzeug am nach vorne gestellten Sitz in Betrieb genommen. „Haben die Ungarn ein Auto weniger“, spottete Frauli, um sich dann in ihrem Denken sofort zu korrigieren und sich auch weiterhin in Toleranz und Respekt gegenüber fremden Kulturen zu üben :-) Der geklaute Schlüssel wurde etwa ein halbes Jahr später beim Mähen in einer angrenzenden Wiese gefunden.

 

KAYA - EINE WUNDERSAME REISE | 1

Der Weg von der rumänischen Strassenhündin zur Therapiehündin

ODER: WIE DER GLAUBE AN UNS SELBST BERGE VERSETZEN KANN.

 Blog 1

Gestattet mir, mich vorzustellen: Mein Name ist Kaya, ich bin ein undefinierbarer Mix von Rumäniens Straßen und über die Umwege eines Tierheimes bei meinem Frauli gelandet. Das Foto vorne am Buch ist das erste, das mein Frauli von mir gemacht hat - das mit dem „Armer-Dackel-Blick“ - so habe ich nur drein geschaut, damit sie mich mitnimmt ;-)! In Wahrheit bin ich mittlerweile eine recht große Hundedame, die sich nicht viel sagen lässt und trotz eifrigen Übens, Bestechens, Schimpfens und Verzweifelns (und das jede Woche immer wieder von vorne im gleichen Rhythmus) meiner durchaus netten, allerdings ein wenig inkonsequenten Besitzerin, noch immer nicht an der Leine gehen kann und fremde Hunde zum Anbeißen „gern“ hat. 

Sinniert mein Frauli auch mindestens einmal pro Woche darüber nach, warum sie sich mich in ihr Leben geholt hat, so sind wir in den letzten fast eineinhalb Jahren doch gute Gefährtinnen geworden und haben einige Abenteuer erlebt, welche ich euch gerne in dieser Geschichte mitteilen möchte: Es ist dies eine Erzählung unserer gemeinsamen Reise durch das Jahr 2016, mit vielen Freuden, einigen Tränen, neuen Freunden, aufregenden Veränderungen, zwischenzeitlichen Zweifeln und neuen Hoffnungen. Eine Geschichte, die - da sie mit dem Zeitpunkt beginnt, dass Frauli erstaunt feststellen musste, dass sie es mit 35 Jahren doch ernsthaft in eine psychiatrische Privatklinik geschafft hat - zum einen auf durchaus humorvolle Weise Menschen, die sich vielleicht auch gerade in einer schwierigen Situation befinden, neuen Mut schenken soll, und zum anderen zeigen darf, dass der Glaube an einen selbst wirklich Berge versetzen darf - oder zumindest Hügeln - bei uns sind es halt noch kleine Hügel ;-)

 

 

Also - dann lade ich euch ein, an unserer Reise teilzunehmen - die im November 2015 begonnen hat: Frauli hat sich damals gerade von ihrem menschlichen Gefährten getrennt und war als Gast in eben besagte Klinik für Menschen mit psychischen Problemen gezogen. Sie hatte nämlich erkennen müssen, dass ihr großer Traum mit dem Gefährten gemeinsam auf einem kleinen Hof samt Pferdestall in der Südoststeiermark doch nicht wirklich ihrer war - auch wenn sie es sich noch so einredete, sich bemühte, immer wieder hoffte. „Es muss doch funktionieren“- dachte sie sich oft bei sich - alle fanden es so schön bei ihnen und der herrliche Reitplatz war doch gerade auch erst fertig geworden. Und der neue Job an der neuen Schule - sie konnte jetzt doch nicht einfach wieder nach Hause gehen und sagen „Ausgeträumt - da bin ich wieder!“ Und überhaupt - ihre Familie und Freunde fanden den Gefährten doch alle so nett - was würden die sich denken, wenn sie all das Schöne, was er ihr zuliebe für sie und die Pferde gebaut hatte, einfach aufgeben würde? Was sollte sie also tun - wie kam sie aus dieser Situation wieder heraus, dass es für alle passte? (Damals erkannte mein Frauli noch nicht, dass das einzig wichtige Urteil, auf das man hören sollte, das eigene ist). Monatelang drehten sich ihre Gedanken im Kreis, die Situation zwischen ihr und ihrem Gefährten wurde immer unerträglicher für beide, der Alkohol ein immer wichtiger Tröster: Ja - sie hat viel getrunken damals - viel zu viel wohlgemerkt, allerdings schien ihr das die einzige Möglichkeit zu sein, ihre innerliche Verzweiflung zu ertragen. 

Eines Tages, wie so oft saß Frauli auf der Veranda und trank zügig ein Fläschchen Wein - versuchte sie ganz sachte mit einem Messer, das zur Öffnung eben besagter Flasche zugegen war - ein wenig auf ihrem Bein zu ritzen - ganz sachte, allerdings um zu spüren, ob sie denn noch etwas anderes als diese dunkle Hoffnungslosigkeit empfinden konnte. Und das tat sie: Nämlich die Erkenntnis, dass das so nicht weitergehen konnte und sie schleunigst etwas ändern müsste! Gesagt getan - ein wenig Intelligenz hat man ihr ja immer nachgesagt, und so beschloss sie gleich einmal einen Psychiater zu kontaktieren - ihrer Meinung musste da ein wirklicher Fachmann herangezogen werden und so wurden die Stufen Psychologe und Psychotherapeut gleich mal übersprungen. 

Zwei Tage später saß mein Frauli mit 35 Jahren nun das erste Mal einem richtigen Psychiater gegenüber - da kann man sich auch gratulieren ;-)! Nach einer Erstaufnahme wurde eine manische Depression vermutet - Stimmungsschwankungen zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt (Ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte). Sie war überaus erfreut dem Problem nun endlich einen Namen geben zu können und überaus überzeugt davon, dass sich all ihre Probleme mit ihrem Gefährten nun auch lösen könnten (Ein weiterer Irrtum, wie sich später herausstehen sollte). Beschwingt durch eben jene Diagnose wurden erstmals sämtliche Informationen über diese Depression im Internet recherchiert und die wichtigsten Personen darüber in Kenntnis gesetzt - unter anderem auch der Schulleiter von Fraulis Schule - großartig!

Als ihr Gefährte dann am Abend nach Hause kam und Frauli ihm die freudige Botschaft verkündete, da war seine Reaktion dann doch nicht so, wie ursprünglich vermutet: Er sah sich in seiner Meinung zwar durchwegs bestärkt, doch mit ihr gemeinsam das Problem an den Hörnern zu packen und Frauli ein wenig zu helfen - dafür fehlte wie so oft leider wieder seine Zeit. 

 

 

„Na dann“ - dachte sich Frauli, „dann muss ich das wohl alleine schaffen“. Packte ihre Koffer und zog für drei Wochen in bereits bekannte Klinik - eine Woche war ihrer Meinung nach zu wenig, um solch massive Schäden zu reparieren. Als sie dort ankam, war sie so aus dem Gleichgewicht, dass sie nicht mal mehr auf einem Bein stehen konnte und Tabletten nehmen musste, um schlafen zu können. Erstaunt stellte sie allerdings fest, dass es auch den anderen Gästen dort ähnlich erging - und das unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Stand. „Was“ - begann Frauli zu überlegen - „passiert all den Menschen, damit sie sich in eine solche Situation manövrieren? Warum gibt es so viele Menschen, die Tabletten benötigen, um ihren Alltag zu meistern? War das früher auch so? Warum brauche ich mit 35 Jahren Psychopharmaka, um nicht das Gefühl zu haben, an mir selbst zu ersticken?“ Für einige dieser Fragen wurden mittlerweile Antworten gefunden - ob sie „richtig“ sind oder nicht, das kann ich euch nicht sagen - für Frauli waren sie zumindest hilfreich und heilsam.

Afoot and lighthearted, I take to the open road, healthy, free, the world before me.
— Walt Whitman

Wie dem auch sei - in den folgenden drei Wochen war Frauli erstmals wirklich dazu aufgefordert, über sich und ihr bisheriges Leben nachzudenken. Sie „musste“ Sport machen, reden, spazieren (unter Begleitung - humorvoll hat sie mir mal erzählt, dass sie nicht alleine spazierten) wieder reden, schreiben, noch viel mehr reden, malen (sie tat es, obwohl sie vorab verkündet hatte, sie würde sofort abreisen, wenn sie zum Malen aufgefordert werden würde - alles hat eine Grenze) noch mehr reden und durfte einfach sein - so wie sie ist - ohne für irgendetwas bewertet zu werden. Ich glaube, es waren eine der drei schönsten, wenn nicht überhaupt DIE schönsten drei Wochen in ihrem Leben, da sie langsam aus dieser Verzweiflung erwacht ist und wieder neuen Lebensmut gefasst hat. Sich selbst spüren - das war ein großes Geschenk nach der langen Zeit der Betäubung.