Kaya- eine wundersame Reise

Dein Himmel auf Erden hängt davon ab, wie sehr du loslassen kannst und deiner Freiheit vertrauen schenkst.
— Irina Rauthmann

Wie ging sie nun weiter, unsere Reise im vorigen Sommer, nachdem Frauli nach dem Bewusstwerden ihres höchsten Wertes der Freiheit und der in ihrem Inneren nach Ausdruck strebenden Aufgaben beschlossen hatte, sich für das kommende Schuljahr vom Unterricht freistellen zu lassen? Nun – sie begann ihre Ideen Stück für Stück in kleinen Schritten umzusetzen.

Wenn man etwas Neues erschaffen möchte, so geht es, denke ich, nicht darum, dass man bereits zu Beginn das Ergebnis in jeder kleinsten Facette genau vor sich sieht, sondern darum, den zuvor in die Erde gesetzten Samen mit einzelnen erfrischenden Wassertropfen beständig liebevoll zu gießen, sich an dessen Wachstum zu erfreuen und sich auch ein wenig von seinem tatsächlichen Erscheinungsbild überraschen zu lassen. Es ist dieser Vorgang ein wenig so, als wenn man im Frühling einzelne Blumensamen behutsam in die dafür aufgelockerte Erde einsetzt, diese im Vertrauen auf ihr Wachstum fürsorglich gießt, um sich schließlich an dem, von den kleinen Pflänzchen selbst für ihr Erblühen ausgewählten Zeitpunkt an ihrer Schönheit staunend zu erfreuen.

Frauli liebte diese neue Aufgabe, sich fast täglich liebevoll um ihren persönlichen Lebensgarten kümmern zu können, wobei sie zwischenzeitlich, was ja der menschlichen Ungeduld entspricht, ähnlich der vor einem Mäuseloch lauernden Katze ein rascheres Erscheinen des Eingesäten einforderte.

Doch nichts in der von den Gesetzen des Werdens und Vergehens geprägten Natur lässt sich vom menschlichen Geist, der in eurer immer schnelllebiger werdenden Zeit meist ein sofortiges Ergebnis seines Wollens oft auch gewaltsam und die eigenen Ressourcen übersteigend verlangt, erzwingen, sondern diese gibt euch in ihrer umsorgenden Großzügigkeit alles zu einem für euch passenden Zeitpunkt. Lediglich euer Vertrauen ist es, das sich das Leben von euch wünscht, denn wie sonst kann euch etwas von einer höheren Macht geschenkt werden, wenn ihr an deren Existenz zweifelt?

Eine der wesentlichen Erkenntnisse war für Frauli im vergangenen Jahr jene des Loslassens: Und zwar so ziemlich von allem, an das sie sich zu Beginn unserer Reise ähnlich einem Matrosen, der an den Mast eines durch den Sturm hin und her gerissenen Schiffes klammert, noch krampfhaft festgehalten hat:

Besonders schmerzlich war für sie anfangs sicherlich der Prozess, den Wunsch in ihr altes, wie bereits erwähnt so herrlich nach All - Inklusive und einer gewissen Bequemlichkeit duftendes Leben zurückzukehren, loszulassen und sich mit der neuen Lebenssituation anzufreunden. Der weise Rat einer Bekannten, dass man überall dort zu Hause sein kann, wenn man bei sich und mit sich selbst glücklich ist, erleichterte ihr diesen Vorgang ein wenig, und ich denke, dass Frauli mittlerweile auch in einem einfachen Wohnwagen oder in einer Gartenhütte zufrieden leben könnte. Es war dies demnach also, wie anfänglich vermutet, kein Verzicht, sondern ein Gewinn.

Nicht minder unangenehm war für sie, die, wie ebenfalls in meiner Erzählung schon verdeutlicht wurde, ohne groß nachzudenken ihrem Pferd um zweieinhalb Tausend Euro einen neuen Sattel gekauft hatte und es liebte, ihr Geld im Internet für diverse und zum scheinbaren Glück beitragende „Kleinigkeiten“ hinauszuwerfen, den Glauben loszulassen, ihr Seelenheil hänge mit dem Besitz solcher materiellen Güter zusammen. Nachdem sie nun allerdings seit mehr als eineinhalb Jahren weder für sich noch für ihr Pferd irgendetwas Neues gekauft und auch keinen Urlaub gemacht hat, gut mit ihrem noch immer zwischen 100 und 150 Euro liegenden Wochenbudget für uns alle zurechtkommt und dabei das Gefühl hat, noch nie so glücklich gewesen zu sein wie in diesen Tagen, scheint mir auch das kein Verlust, sondern ein Gewinn zu sein.

Ein weiteres Empfinden, von welchem sie sich in den letzten Monaten endlich trennen konnte, war jenes, keine Zeit zu haben, in Stunden gesehen zu wenig zu arbeiten und bei ihrem momentanen Tun in Gedanken ständig bei dem zu sein, was als Nächstes gemacht werden muss. Dieses Thema der Zeit ist für euch, so denke ich, ein ganz umfangreiches, welches euch in eurem wahren Tun und Sein doch beträchtlich einschränkt: Ist man tatsächlich nur dann eine fleißige und in der Gesellschaft angesehene Persönlichkeit, wenn man gleich einem im Rad strampelnden Hamster seine 8 Stunden Arbeit am Tag abspult? Ist die persönliche Tätigkeit eines Individuums und dessen eigenes, kreative Schaffen tatsächlich an eine gewisse Stundenzahl, an eine bestimmte Tageszeit und auch noch an festgesetzte Wochentage gebunden? Und ist es euch Menschen wahrlich nur an euren Urlaubstagen möglich, endlich das ersehnte Gefühl der Freiheit zu spüren? Ich hoffe nicht. Vielleicht könnt ihr euch diesbezüglich ein Beispiel an uns Tieren nehmen, denn wie sollten wir für unser Weiterbestehen sorgen können, wenn es uns zum Beispiel nur an bestimmten Tageszeiten möglich wäre, für unseren Nachwuchs zu jagen und diesen zu versorgen? Heute ist Sonntag- tut mir leid, meine Kleinen, dann darf nicht gejagt werden? Mögen meine Worte auf den ersten Blick auch ein wenig zu hart erscheinen und natürlich nicht auf alle Menschen zutreffen, so denke ich dennoch, dass ein Großteil der Gesellschaft unbewusst zu einem Sklaven der Zeit geworden und dadurch in seinem Sein sehr eingeschränkt ist.

Für Frauli, deren Leben bis zum letzten Jahr ständig von diversen und von Außen gestalteten Stundenplänen geprägt wurde, welche ihr die einzelnen Tage samt Freizeit und ihre Ferien genau vorgaben, war eine der größten Herausforderungen bestimmt jene, mit dem kostbaren Geschenk der Zeit umgehen zu lernen. Nachdem sie sich, trotz der Gewissheit, ihr Umfeld und vor allem den geliebten und auf sichere Strukturen bedachten Papa noch mehr in Verzweiflung zu stürzen, zu Beginn dieses Jahres mit dem Schreiben von Büchern und dem Aufbau einer Kräuterlinie für Tiere selbstständig gemacht hatte, stand ihr plötzlich der gesamte Tag mit all seinen Möglichkeiten gänzlich zur Verfügung. Und führte Frauli ob der neuen Freiheit in die Verzweiflung. Sie hatte ständig das Gefühl zu wenig zu arbeiten, bemaß ihre eigene Leistung – so wie sie es eben gelernt hatte – nach der Anzahl der täglich absolvierten Stunden, wurde sofort von einem schlechten Gewissen geplagt, wenn sie das vorgenommene Arbeitspensum nicht erfüllt hatte, verspürte fast schon chronisch das altbekannte einengende Gefühl im Herzbereich und machte zwischenzeitlich wirklich sehr wenig, da ihr all das Denken über das, was noch gemacht werden möchte, jegliche Energie raubte. Untermauert wurde dieser ganze, das Wohlbefinden doch sehr einschränkende Prozess, noch von der Überlegung, was denn „die Anderen“ von Fraulis Tagesrythmus halten würden, bis ihr eines Tages die Erkenntnis kam, dass ihr das zum einen egal sein konnte und sie zum anderen bestimmt nicht so wichtig wäre, dass ihr genaues Tun ihr Umfeld tatsächlich zu Überlegungen animieren könnte. Als sie dann auch noch in einem Buch einer Freundin davon gelesen hatte, dass man zu Beginn eines Tages dessen Energie erspüren und gemäß dieser seine Vorhaben planen solle, da fiel plötzlich all dieser lästige und das Seelenlicht verdunkelnde Zeitdruck von ihr ab und machte sie frei für ihr Tun. Ja, wir gehen am Montag Vormittag in die Hundeschule, wir treffen uns mittags manchmal mit Freunden auf einen Kaffee, beizeiten machen wir einen Nachmittag blau und genießen die Sonne, oft arbeiten wir am Wochenende, manchmal bis Mitternacht, dann ist wieder ein Dienstag unser Tag, um uns auszuruhen. Wir wissen nicht, ob wir durch unser Tun den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen und müssen es auch nicht, denn das wichtigste ist, dass wir uns in all unserem Sein wohl fühlen und in unserem eigenen Tempo unser kleines Leben gestalten. Das war vielleicht der größte Gewinn.

Dieses Geschenk, mein lieber Leser, das wünsche ich dir von Herzen, dass du dich Stück für Stück von den Fesseln der dein Leben so bestimmenden Zeit lösen kannst und frei wirst, dein wahres Sein zu leben.

Naja, und dann gab es noch mehrere Kleinigkeiten, welche loszulassen Frauli nicht mehr so schwer gefallen sind: Es war dies ihr Verhalten, sich selbst nicht immer so wichtig zu nehmen, sich selbst, auch wenn mal wieder etwas schief gegangen ist, nicht zu verdammen, sondern sowohl liebe, - als auch humorvoll zu betrachten, Dinge nicht deshalb zu tun, um Anerkennung zu erlangen, sondern weil es Freude bereitet diese zu machen, Kritik von Außen nicht persönlich, sondern, wenn angebracht, als Aufforderung zur Veränderung zu sehen, ihr Gegenüber nicht nach dem Schein, sondern dem Sein zu betrachten und einiges mehr - vor allem aber, alles nicht so verdammt ernst zu nehmen.

Ich wünsche dir, mein lieber Leser, dass du freudvoll von gewissen Dingen in deinem Leben loslassen kannst und dass du diese Veränderungen letztendlich als das erkennst, was sie in Wahrheit sind: Dein ganz persönlicher Gewinn, ein Stückchen mehr Freiheit in deinem Leben.

KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1