KAYA- EINE WUNDERSAME REISE

Unschuld ist der Weisheit gleich.
— (Euripides, 480- 407 v.Chr.)

 

Beim nächsten unserer, ob Fraulis neu entdeckter Fähigkeit, Entscheidungen ausschließlich für sich selbst und nicht für das Wohlbefinden der Allgemeinheit zu treffen, in jenen Zeiten eher sporadisch ausfallenden Besuche in der noch immer sehr geschätzten Heimat, welche so verführerisch nach All-Inklusive duftete, wurde so dann die eher einer Verirrten, denn einer ausgebildeten Akademikerin entsprechende Entscheidung der ahnungslos versammelten Familie mitgeteilt, den Schuldienst für das kommende Unterrichtsjahr zu quittieren. Du kannst dir sicherlich vorstellen, auf welche Weise das auf durchaus berechtigter Sicherheit beharrende Rudel von Frauli auf diese neue Hiobsbotschaft reagierte: Nun - ich würde einmal, gelinde ausgedrückt, sagen, mit jener bereits bekannten Fassungslosigkeit, welche Fraulis ehemaliger Gefährte an den Tag legte, als ihm mitgeteilt wurde, er würde nun, ein halbes Jahr nach ihrer Trennung, endlich von ihr bedingungslos geliebt werden. Frauli hatte es sich in jenen Tagen anscheinend zur Aufgabe gemacht, ihr Umfeld durch scheinbar irrsinnige Entscheidungen in Verzweiflung zu stürzen und bei diesem die Frage aufkommen zu lassen, was wohl bei der Erziehung des einst so vernünftig wirkenden Mädchens schief gelaufen wäre. Wobei - Fraulis Mama zufolge war diese schon als noch auf allen Vieren krabbelnder, pausbäckiger Säugling in Windeln durchaus in der Lage, durch wiederholtes Entfernen liebevoll aufgefüllter Blumenkügelchen die elterliche Autorität in Frage zu stellen. Und nun, 35 Jahre später, sahen sich die beiden Generationen in genau derselben, gegenseitiges Unverständnis hervorrufenden Situation wieder – lediglich der Inhalt der dann doch eine gewisse Spannung hervorrufenden Diskussion hatte sich unmerklich verändert: Haben damals noch kleine Kügelchen zum scheinbaren Glück bzw. Unglück der handelnden Personen beigetragen, so war nun Fraulis Kündigung der ihrer Meinung nach nicht zur persönlichen Freiheit beitragenden fixen Arbeitsstelle für eben jene Gefühle verantwortlich. Ein Dilemma: Zum einen wollte hinlänglich bekannte junge Dame durch das Wegnehmen von starren Unterrichtszeiten ihrem höchsten, jüngst in bereits erwähnter Untersuchung festgestellten Wert der Freiheit folgen, andererseits war sie genauso darum bemüht, jenes an zweiter Stelle ihrer individuellen Prioritätenliste stehende Ideal namens Familie glücklich zu machen. Ich glaube, Fraulis Papa hätte damals bestimmt ein kleines Vermögen ausgegeben, um jene, scheinbar auf jahrelangen empirischen Untersuchungen beruhende Test, welche seine Tochter veranlassten, solch seiner Meinung nach unvernünftige Entscheidungen zu treffen, für ungültig erklären zu lassen. Und Frauli? Nun, sie war der Meinung, dass - ähnlich wie bei einem Abfahrtsrennen – lediglich der Sieger Anspruch auf eine Goldmedaille hätte und hängte diese ihrem höchsten Ideal um.

Ein nächstes Dilemma folgte sogleich: Beide Parteien fühlten sich schuldig an dieser Situation. Der werte Papa in der Annahme, bei der Erziehung der geliebten Tochter doch gröbere Fehler gemacht zu haben, als bislang vermutet, die Tochter in der Gewissheit für mehrere schlaflose Nächte des doch auf so ein ausgewogenes Ruheverhältnis bedachten Vaters verantwortlich zu sein. Alleine die Tatsache, dass auf seinem durch die Jahre schon sehr kahl gewordenen Haupte ihretwegen keine weiteren grauen Haare wachsen würden, beruhigte sie ein wenig.

So- und da wären wir nun beim Thema Schuld: Was ist eigentlich diese Schuld? Wer oder Was ist Wann, Wodurch oder Warum für irgendetwas Schuld? Wie oft hört man doch Aussagen wie „Mein Chef ist Schuld daran, dass es mir so schlecht geht.“ „Du bist Schuld an meinem Unglück.“ „Das Wetter ist Schuld daran, dass ich mich so mies fühle.“? Kennst du das, mein lieber Leser? Das Bedürfnis, immer dann, wenn gerade etwas einmal nicht so gut läuft, die Ursache des eigenen Schlamassels im Außen zu suchen? Oder noch schlimmer: Das Bestreben immer dann, wenn etwas schief gelaufen ist, sich selbst als vermeintlicher Verursacher gleich der Inquisition zu foltern? Welches Verhalten dir auch zu eigen oder zumindest bekannt sein mag, es ist in keinster Weise für dein persönliches Wohlbefinden förderlich und auch absolut unnötig, da es so etwas wie Schuld auf dieser Welt eigentlich gar nicht gibt. Klar – ihr Menschen macht oft Fehler, ihr ärgert euch auch gerne einmal über unliebsame Personen oder Gegebenheiten, manchmal leidet ihr an einer wetterbedingten Migräne, kommt zu spät ins Büro, da ihr den Wecker überhört habt – allerdings – kann man dabei wirklich von Schuld sprechen, einem Wort, das sich so dunkel auf die menschliche Seele legt und euch in eurem freien Denken so belastet?

Wäre es nicht an der Zeit, eure vermeintlichen Fehler und auch jene eurer Mitmenschen als das zu sehen, was sie in Wahrheit sind - nämlich Ereignisse in eurem Leben, die euch dazu ermutigen zu wachsen und über euch hinauszugehen? Gewagte Worte, zumal von einem Hund gesprochen, das ist mir durchaus bewusst. Vielleicht konnte ich dich allerdings ein wenig dazu ermutigen, mein lieber Leser, über diese für dich ganz persönlich in einem ruhigen Augenblick nachzudenken, um so ein Stück freier zu werden.

Frauli fühlte sich in der damaligen Zeit, um wieder in unserer Geschichte fortzufahren, furchtbar schuldig und für das Unglück der halben Welt verantwortlich. Hätte ihr damals jemand gesagt, dass durch ihren Ungehorsam das Polareis künftig noch rasanter schmelzen werde, hätte sie ihm das bestimmt geglaubt. Allerdings dürfte oben genannte Entscheidung zumindest ihrer inneren Stimme geschmeichelt haben, denn diese hielt in jenen Wochen endlich einmal die Klappe und ersparte es Frauli, gleich einem ständig leicht alkoholisierten Kammerjäger auf der Suche nach unliebsamen Motten, den ich dir in der vorherigen Erzählung vorgestellt habe, das Biest namens Panikattacke zu besiegen versuchen. Das schwere Schuldpaket schleppte sie jedoch als gefüllten Rucksack gleich einem jener Polarforscher, die es tatsächlich wagen in jene eisigen Gefilde des Nordens zu Fuß vorzudringen, durch ihren Alltag – unwissend, wie sie sich diesem entledigen könnte.

Ich habe dir zu Beginn unserer Reise schon einmal erzählt, dass wir Tiere zu euch ins Leben geschickt werden, um euch ein Stückchen davon als Freunde zu begleiten und euch bei der Meisterung der einen oder anderen Aufgabe zu unterstützen. Nun ja- mag die folgende Erzählung auf den ersten Blick für dich auch ein wenig traurig erscheinen, so war es doch der Tod von Fraulis geliebten Pferd, der sie dazu veranlasst hat, über Schuld oder Unschuld in diesem Leben nachzudenken: Als sie eines Tages ihrer mittlerweile doch ganz lieb gewonnenen Tätigkeit als Laborgehilfin in der Apotheke frönte, erreichte sie von der Tochter jenes Stallbesitzers, bei dem unser Ponyhof eine vorübergehende Bleibe gefunden hatte, der Anruf, dass ihr mittlerweile in die Jahre gekommener vierbeiniger Freund wohl eine leichte Kreislaufschwäche hätte, da er seit geraumer Zeit auf der Wiese liegen würde. Nicht weiter beunruhigt durch diese Meldung und im Vertrauen darauf, dass der alte Herr auch diesen kleinen Schwächeanfall so gut überstehen werde, wie jene zuvor, bat Frauli ihre Freundin und gleichsam Chefin, ob sie ein wenig früher nach Hause fahren könnte. In aller Ruhe wurden noch herzstärkende Kräuter für das Tier eingewogen und zum Bauernhof mitgebracht. Dort verwandelte sich diese fast schon stoisch anmutende Ruhe allerdings schlagartig in eine entsetzte Panik, da Frauli erkannte, dass es sich diesmal um keine harmlose Kreislaufschwäche handelte, sondern der treue Begleiter sich in einem grausamen und nicht mehr zu gewinnenden Todeskampf befand. Natürlich wurde noch der nächst verfügbare Tierarzt herbeigerufen, doch dieser konnte nicht mehr tun, als das gequälte Geschöpf mit einer letzten Spritze von seinem Leid zu erlösen. Frauli hielt seinen Kopf als das Tier, das 18 Jahre lang ihr Freund, Lehrer und Begleiter gewesen ist, ins Licht gegangen ist. Die vermeintlich harmlose Kreislaufschwäche hatte sich als eine schwere Kolik herausgestellt.

Zusätzlich zu jener, wie der Sonnenschein zum Leben gehörenden Trauer, quälte sich Frauli in den nächsten Tagen mit der Frage nach der Schuld: War sie Schuld am Tod des Tieres, da sie ihm am Morgen zu wenig von seinem Kreislaufmittel zum Futter gegeben hatte? Oder hat der liebe Bauer vielleicht doch heimlich wieder etwas vom frisch gemähten Gras gefüttert? Ist seine Tochter Schuld, da sie viel zu spät über den schlechten Gesundheitszustand Bescheid gegeben hatte? Oder hätte Frauli doch sofort ins Auto springen sollen? Hatte der Tierarzt wirklich alles versucht?

Fragen um Fragen, quälende Gedanken um quälende Gedanken, die jedoch nichts mehr an der Situation verändern konnten. Da Frauli allerdings gewillt war einen Schuldigen zu finden und da es ihr unrecht erschien, jemand anderes für diesen Schicksalsschlag verantwortlich zu machen, gab sie sich einfach selbst die Schuld. Irgendetwas hätte sie ja bestimmt anders machen können.

Da der Rucksack dadurch wieder schwerer geworden war, beschloss Frauli dann eines Tages über dieses, den menschlichen Geist so fesselnde Thema nachzudenken: Wer hat eigentlich Schuld? Wer hat Schuld daran, dass ich gerade da bin, wo ich bin? Meine Kindergartentante, da sie mir jene Geschichte vom Prinzen mit dem weißen Gaul erzählte, die ich bis vor kurzem noch geglaubt habe? - Zumindest habe ich den weißen Gaul noch. Oder vielleicht doch die Volksschullehrerin, die der Ansicht war, dass man all seine Träume verwirklichen könnte, wenn man nur fest an diese glaubt? - Nun – meine Träume habe ich noch immer, verwirklicht hat sich bloß noch keiner. Ich hab`s: Es sind vermutlich meine Eltern für den ganzen Schlammasel verantwortlich, da sie mir immer wieder gesagt haben, dass ich zwar durchaus intelligent sei, es durch meine Sturheit allerdings oft schwer haben würde. - Nur, ist das nicht tatsächlich die Wahrheit? Also müssen doch meine Lehrer Schuld sein, der Postbote, der Bundespräsident, der Kaiser von China, vielleicht auch Barbie oder Yeti, noch besser: Die ganze Welt ist dafür verantwortlich, dass ich in dieser Misere feststecke. - Herrlich, was bin ich doch für ein armes Opfer!- Allerdings: Eine Weiterentwicklung ist von diesem Standpunkt aus genauso unmöglich, wie einem Esel beizubringen Gold zu scheißen.

Dann wollen wir es einfach einmal von einem anderen Blickwinkel aus betrachten: Was wäre, wenn NIEMAND Schuld an dieser Situation hat, auch ich selbst nicht? Was wäre, wenn wir es annehmen, dass sich die Dinge genauso für uns entwickeln, wie sie sich entwickeln sollen? Alle Fehler gemacht werden, weil sie gemacht werden wollen, alle Beziehungen geführt werden, da sie genau zu diesem Zeitpunkt erlebt werden müssen – sprich: Was wäre, wenn wir es annehmen, dass alles so geschieht, wie es geschehen muss, damit wir in unserem Leben vorankommen? Nun - dann wäre wohl alles gut und ich genau da, wo ich sein soll.

Sprachs, lächelte zufrieden und just in diesem Augenblick fiel all die Last von Fraulis Schultern, welche sie ein halbes Leben lang tapfer gleich jenem bereits erwähnten Polarforscher als schweren Rucksack mit sich herumgetragen hatte. Also war auch das so geliebte Pferd durch niemandes Schuld so plötzlich von dieser Welt entschwunden, sondern hatte einfach dem natürlichen Gesetz von Entstehen und Vergehen folgend seine gütigen Augen für immer geschlossen.

KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1