KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte.
Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche.
— (Laotse, 6. Jh. v. Chr.)

In meiner letzten Geschichte habe ich dir davon erzählt, was meiner Meinung nach zu tun ist, nachdem du nach Bewusstwerden deiner ganz persönlichen, wundervollen Fähigkeiten den mutigen Entschluss gefasst hast, diese in deinem eigenen Tempo in Hinblick auf dein dir in diesem Zusammenhang gestecktes Ziel nach Außen zu tragen: Ich sagte: „Einfach losgehen.“ Nun, das Prinzip der Einfachheit mag sich wohl, um ehrlich zu dir zu sein, auf deinen ersten, bewusst in eine neue Richtung gesetzten Schritt anwenden lassen, allerdings werden sich für dich auf deiner Reise viele Momente so anfühlen, als ob du dich gleich einem verirrten Beduinen mitten in einer schier endlos weiten Wüste befinden würdest, in welcher auf den ersten Blick weder ein Ausgang, noch das rettende Wasser zu finden sind. Bleibt einer von euch beiden stehen, bedeutete dies das Scheitern der begonnenen Expedition, was in keinster Weise wünschenswert wäre. Also behalte dir von nun an meine folgenden Worte, wann auch immer du dich in einem dunklen Tal, in jener eben erwähnten Wüste oder in einem unangenehm riechenden Sumpf befindest, gleich einem Mantra der in dieser Erzählung bereits mehrmals erwähnten Yogi stets im Gedächtnis: „Geh` weiter.“ Geh` immer weiter, verharre nie zu lange in einer dein Seelenlicht verdunkelnden Stimmung, geh` immer weiter, auch wenn es dir vorkommt, du seist im Moment der einsamste Mensch auf dieser Welt, geh` weiter, auch wenn für dich einst so verlockende Fallen plötzlich gleich einer Fata Morgana am Horizont auftauchen, geh` weiter, selbst wenn du in deinem Umfeld auf Unverständnis bezüglich deines Tuns triffst – und das wirst du vermutlich, wenn du dich auf deine ganz persönliche Reise zu dir selbst und deiner Lebensaufgabe begibst.

Frauli hat sich nun also im vergangenen Sommer mit der Leichtigkeit eines durch die frisch erblühenden Blumenwiesen fliegenden Schmetterlings – wobei, ohne diese beleidigen zu wollen, sie weder an Anmut noch an Grazie mit diesen wundervollen Wesen zu vergleichen ist – auf ihre ganz persönliche Reise zu sich selbst und ihren, der eigenen Intuition entsprungenen Aufgaben in diesem Leben gemacht, ohne genau zu wissen, wie es ihr, und ob es ihr überhaupt gelingen würde, diese in die Verwirklichung zu bringen. Sie ist einfach einmal losgegangen, gleich jenem in der Wüste nach einem Weg und Wasser suchenden Beduinen, stetig oder zumindest meist, im Vertrauen darauf, dass sie das Angestrebte nach einer gewissen Zeit schon erreichen würde. Und wenn nicht? Was ist eigentlich dann, wenn wir zu unserem Ziel, das wir dir in unserer letzten Geschichte im Überbegriff als besagte Ranch offenbart haben, doch nicht erreicht werden? Nun – dann haben wir es zumindest auf einen Versuch ankommen lassen und du wirst all diese Zeilen in Buchform auch gar nicht lesen. Aber weiter im Text: Zum großen Glück kann die Dauer einer solchen Reise im Vorhinein in keinster Weise genannt werden, denn hätte Frauli jemand zum damaligen Zeitpunkt gesagt, dass sie diesen dann doch entbehrungsreichen Marsch über ein Jahr zu beschreiten hätte, sie wäre auf der Stelle gleich jenem bereits erwähnten Pudel in ihr altes Körbchen zurückgelaufen und hätte dieses wohl nie mehr wieder verlassen.

Wie lange du dich, mein lieber Leser, auf deinem eigenen Weg zu deinen neuen, persönlichen und bestimmt wundervollen Zielen befinden wirst, kann ich dir an dieser Stelle ebenso wenig verraten wie den Ort, an dem ich meinen letzten Knochen vergraben habe, denn das eine ist dein ganz persönliches Geheimnis in diesem Leben, das andere meines. Ich möchte dir mit meinen geschriebenen Worten lediglich den Mut geben, stark und majestätisch wie ein Wolf durch die oft endlos erscheinenden Täler zu wandern, an dich und deine einzigartigen Fähigkeiten zu glauben und auf ein für dich grandioses Ergebnis zu vertrauen. Schreite immer weiter, ruhe dich nur solange aus, bis du wieder genügend neue Kräfte gesammelt hast, schreite immer weiter, auch wenn dir manchmal deine Beine schmerzen und du dich einfach nur hinlegen möchtest, auch wenn du in manch sternenklaren Nächten mit deinem Geheul die Wälder erfüllen magst, schreite immer weiter, auch wenn du an manchen Tagen kaum ausreichend Nahrung findest, schreite immer weiter, auch wenn du auf ein Rudel triffst, das dir anbietet, mit ihnen in der sicheren Gruppe mitzukommen, schreite einfach immer weiter.

Frauli haben ihre Beine nie wirklich Schmerzen bereitet, da sie es gewohnt ist, mit mir täglich durch die Natur zu streifen, allerdings war es ihr Herz, das in diesen Tagen so manchen Stich abbekommen hat - metaphorisch natürlich, denn sonst würde sie wohl nicht mehr unter uns weilen. Ich denke, es war für sie, einem geselligen und dem Feiern durchaus zugetanen Geschöpf, die durch unsere finanziellen Unmöglichkeiten erforderlich gewordene Tatsache, ihre Familie und Freunde treffen zu können, die sie in all den Monaten am meisten geschmerzt hatte. Nachdem jedoch der anfängliche, in einer solchen Situation doch falsche Stolz - sie ist tief in ihrem Herzen ein sehr stolzes Wesen - und das in keinster Weise dienliche Schamgefühl überwunden wurden, beschloss Frauli zumindest ihr nahes Umfeld über die momentane Lage ehrlich zu informieren, die aktuelle Lebensphase für sich selbst als Übergangssituation mit Ablaufdatum zu bezeichnen und sich auf all die zukünftigen Treffen mit ihren Liebsten zu freuen. Ich denke, es war vor allem diese Ehrlichkeit, welche es in keinster Weise darauf anlegte, Mitgefühl für ihren ja doch selbst gewählten Weg zu erbitten, die es etwa Fraulis bester Freundin zu Hause ermöglichte, ihr das Nichterscheinen (kein Benzingeld) zu ihrem 30. Geburtstag zu verzeihen.

Ich wage es zu behaupten, mein lieber Leser, dass deine guten Freunde auch am Ende deiner Reise, die es doch große Strecken alleine zurückzulegen gilt, noch auf dich warten werden und dass eure gemeinsamen Feste, da du dann den eigentlichen Wert von solchen noch besser verstanden hast, vielleicht noch schöner sind als zuvor. Ich möchte dir allerdings mit diesen Zeilen nicht den Eindruck vermitteln, dass wir tagein, tagaus gleich jenem einsamen, durstigen Beduinen auf diesem Weg getrottet sind – nein, wir haben in diesen letzten eineinhalb Jahren viele wundervolle Menschen kennengelernt, die uns teils über Etappen, teils an einzelnen Stationen und einige von ihnen auch seit Beginn unserer Reise begleitet haben bzw. immer noch begleiten. Manche von ihnen haben sich als wahre Engel erwiesen, die uns teils unbewusst wieder geholfen haben, ein Stück weiter zu kommen (und ich meine damit keine finanzielle Unterstützung), einige kamen als Lehrer in unser Leben, um uns gewisse Dinge aufzuzeigen, ja und manche waren einfach da und haben uns nach einiger Zeit auch wieder verlassen, was ebenfalls gut ist. Eine ganz wesentliche Erfahrung war es für Frauli dabei, die sich früher wohl eher durch ihren Schein als ihr Sein definiert hatte und sich von Menschen leider oft schnell gelangweilt fühlte – was das Gegenüber natürlich dazu ermutigt hatte, Frauli als nicht besonders liebenswert zu empfinden -, dass die Menschen sie anscheinend auch mit fast nichts in der Tasche, in ihren jedem Stallburschen zu Ehre gereichenden Klamotten und ständig mit uns Tieren im Schlepptau gerne haben. Dass sie anscheinend nichts besonderes tun oder haben muss, um wertgeschätzt zu werden. Und auch umgekehrt: Wurden Bekanntschaften – nicht jene 3 oder 4 auch heute noch bestehenden Freundschaften, in der Vergangenheit - vielleicht auch unbewusst, ich muss sie ja auch ein wenig verteidigen – danach ausgewählt, ob sie entsprechend dem äußeren Erscheinungsbild, der Ausbildung und dem allgemeinen Tun in Fraulis teils doch verzerrtes Weltbild passten, so wurde in diesem letzten Jahr jene, die wahre Herzensgüte eines Menschen verdeckende Brille endlich abgesetzt und das Augenmerk auf das (fast) in jedem Individuum anzutreffende Besondere gerichtet. Es sind unter anderem auch all diese, für einige in unserem Umfeld ob ihrer Diversität teils doch recht ungewöhnlichen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, welche uns für die Durchquerung unserer eigenen Wüste immer wieder das erfrischende Wasser, sprich eine neue Kraft, schenken, weiterzugehen.

Und was könntest du, mein lieber Leser, machen, wenn du auf deiner Wanderung auf eine jener am Felsvorsprung lauernden, liebend gerne Unruhe stiftenden Hyänen, was einfach ihrem Naturell entspricht, triffst? Ganz einfach: Dann zeigst du ihnen deine kraftvollen Wolfszähne – und zwar nicht in einer, eine Drohung verkündenden Grimasse, sondern schenke ihnen ein herzliches Lächeln, verkneife es dir ihnen, auch wenn sie dich mit ihren Worten noch so verletzt haben, ans Bein zu pinkeln und schreite weiter. Schreite weiter und sei dir deines eigenen Weges bewusst, erwarte dir kein Verständnis oder gar Mitgefühl – du bist ein Wolf, das benötigst du auch gar nicht, behalte dir deine Fröhlichkeit und dein offenes Herzen bei, trink an manchen Abenden auch mal dein Bier oder was dir sonst noch so schmeckt, ruhe dich in der Sonne aus und schöpfe durch die Natur neue Kräfte, fluche auch ruhig einmal laut vor dich hin, wenn es dir danach ist, beschnuppere neue Weggefährten vorsichtig aber ohne Vorurteile, zieh stückchenweise auch mit einem Rudel mit und genieße die gemeinsamen Mahlzeiten, allerdings: Paare dich in diesen Zeiten nicht!;-) Denn wenn du dich, was ich annehme, da ein solches Unterfangen sonst ja gar nicht oder nur sehr schwer möglich ist, am Beginn einer neuen Lebensphase befindest, hast du vermutlich deinen Gefährten bzw. deine Gefährtin auch hinter dir gelassen und machst dich alleine auf diesen Weg. Er wird oft sehr einsam sein, du wirst dir in manchen Stunden eine starke Schulter zum Anlehnen oder eine/n Vertraute/n wünschen – das ist auch etwas Wundervolles, Großartiges und Einzigartiges in diesem Leben – nur warte damit, um nicht das Wesentliche, nämlich dein ganz individuelles Ziel, das zu erreichen du dir vorgenommen hast, aus den Augen zu verlieren, bis du am Ende deiner persönlichen Reise zu dir selbst angelangt bist. Dann bleiben noch genügend Zeit und Raum für eine etwaige Fortpflanzung und andere Aktivitäten. Warum? Nun, weil ich denke, dass gerade solche Bekanntschaften es sind, in denen die zwischen zwei Menschen geteilte Nähe das wundervolle Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vermittelt, die am stärksten Zweifel an deinem selbst erwählten Weg hervorrufen und in dir das Verlangen erwecken, das Reisen doch lieber wieder sein zu lassen und zum Altvertrauten zurückzukehren.

Eigentlich denke ich es nicht, sondern habe es an Frauli beobachtet, welche zwischenzeitlich an manchen Abenden auch eine männliche Gesellschaft meiner Wenigkeit vorzog und in einigen wenigen Nächten die fast schon in Vergessenheit geratene Nähe genießend sogar in diesem einen fremden Körbchen dieses ihrer Meinung nach so wunderbar duftenden Gefährten zu ruhen pflegte. Allerdings waren es – abgesehen von der Katerstimmung am nächsten Morgen - gerade die so lang vermissten Freuden und jene großartige Unkompliziertheit dieser einzelnen Nächte sowie dieses tief ersehnte Gefühl der Leichtigkeit, welche Frauli zu überlegen beginnen ließen, aus welchem Grund sie eigentlich immer noch so lebt, wie sie zu diesem Zeitpunkt lebte. Da es ihr als eine schier unmögliche und auch in keinster Weise passende Aufgabe erschien, einem Mann, zu dessen speziellen Fähigkeiten allgemein jene des Zuhörens nicht zu zählen ist, ihre Geschichte - mitunter auch in der Vermutung, dass es nicht diese ist, weswegen Frauli auf jene nächtlichen Erkundungstouren mitgenommen wurde -, zu erzählen, sie in dieser Situation auch keine Ahnung hatte, wie sie das, was sie gerade machte, erklären sollte und auch gar nicht wollte, beschloss sie es eines Tages, auch wenn es ihr wehtat – nicht nur für sie, sondern es schmerzte sie auch, ihr Gegenüber mehr oder weniger kommentarlos im Regen stehen zu lassen, einfach weiterzugehen. Einfach – nein, es ist nicht so leicht,- weiterzugehen, in Dankbarkeit, diesen besonderen Menschen, der ihr ohne es zu wissen den letzten Satz dieses Buches geschenkt hatte, getroffen zu haben, sowie in der Hoffnung und im Vertrauen darauf, ihm eines Tages, auch wenn er es dann vielleicht bzw. vermutlich gar nicht mehr wissen möchte, den Hintergrund ihres Handelns erklären zu dürfen.

Falls du allerdings doch, was zuzuteilen ja Aufgabe des Schicksals ist, unterwegs auf deinen wahren Seelenpartner treffen solltest, dann wird dieser Verständnis für dich und deinen Weg haben und auch an dessen Ende auf dich warten – hat er/sie es nicht, dann war es auch nicht dein Seelenpartner.

Also: Schreite stark und mutig immer weiter…..

KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1