KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Der Mensch ist frei geboren,
und liegt doch überall in Ketten
— (Jean- Jacques Rousseau)

 

Mit ihren neuen, und ob ihrer so starken Präsenz noch ein wenig gewöhnungsbedürftigen Begleitern Dankbarkeit, Wertschätzung, dem noch in seinen Kinderschuhen steckenden und nicht genau zuordbaren Glauben, der sich wie ein kleines Pflänzchen trotz der Gefahr, immer wieder von einem Unwetter stark in Mitleidenschaft gezogen zu werden, langsam emporzustrecken versuchte und der neu gewonnenen Erkenntnis, ihren ehemaligen Gefährten ein halbes Jahr nach der Trennung nun endlich bedingungslos lieben zu können, fuhr mein Frauli eines Tages wieder zu bereits erwähnter Ausbildungsstätte, um zumindest auf dem Papier einen diplomierten Mentaltrainer vorweisen zu können. Ehrlich unter uns gesagt, gingen ihr damals all diese neuen Wertvorstellungen noch ganz furchtbar auf die Nerven und sie versuchte sich diesen auch immer wieder- wie eine dickstämmige Buche gegen den Sturm- zu widersetzen, schienen sie doch einen jener spirituell angehauchten Menschen aus ihr machen zu wollen, deren farbenfroh schillernde Gewänder gepaart mit der neuesten Kollektion diverser Gesundheitsschuhe ihr immer ein leicht suspektes Grauen waren.

(Es möge sich an dieser Stelle bitte niemand, der sich selbst als spirituell zu bezeichnen vermag, persönlich angegriffen fühlen – ich gebe lediglich Fraulis damalige negative Einstellung besonders dem Wort „spirituell“ gegenüber wieder – auch das darf sich mit der Zeit wandeln.)

Allerdings erkannte sie, dass ihr das Leben wohl genau diese Aufgaben zu bewältigen vorgab, und so beschloss sie notgedrungen, sich diesen zu fügen, um eben nicht in bereits dargestelltem Horrorszenario einer in so ziemlich allen Bereichen des menschlichen Seins gescheiterten Frustesserin mit zwei oder mehreren Katzen zu enden.

In einer von jenen, den von Verwirrungen höchsten Grades geplagten Geist schmeichelnden Ausbildungsstunden, durfte Frauli, als die persönlichen Werte der einzelnen Kursteilnehmer besprochen wurden, erstaunt feststellen, dass ihr individueller Favorit jener der Freiheit wäre. Erstaunt deshalb, weil sie bis zu diesem Zeitpunkt dachte, jedwede Form von Besitz – sei es der von Familie, Freunden und Tieren, oder auch jener von materiellen Gütern - Markensättel versteht sich – würde das erstrebenswerte Ideal in ihrem Leben darstellen. Falsch gedacht. Denn nun hatte ein raffiniert ausgeklügeltes System wissenschaftlich erprobter und auf einer langen Erfahrung beruhender Fragen Freiheit an die oberste Stelle jener Prioritätenliste gesetzt, die es, um glücklich zu werden, von Frauli anzustreben gelte. Ein wenig verkompliziert wurde diese neue Erkenntnis dadurch, dass sich Frauli bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gedanken über den zum einen in seiner Verwendung zwar sehr alltäglichen, zum anderen allerdings in seiner Deutung ihrer Meinung nach großen philosophischen Geistern vorbehaltenen Begriff gemacht hatte. Die einzige Freiheit, die sie tatsächlich in ihrem damaligen Leben feststellen konnte, war jene des frei sein von Geldes. Immerhin.

Unangenehm von der Vorstellung gedrängt, das Leben wolle doch tatsächlich eine mittellose, meditierende Spinnerin aus ihr machen, beschloss Frauli erstmals ihr neues, auf jahrelangen empirischen Untersuchungen basierendes Lebensideal zu ignorieren und sich den ihrer Meinung nach weitaus sinnvolleren Themen in ihrem Leben zu widmen: Dabei führte nach wie vor jenes die persönliche Prioritätenliste an, auf welche Weise sie den doch recht tief versenkten Karren wieder aus dem Dreck ziehen könnte. Ein schimmerndes Licht am Horizont, das sich allerdings ziemlich bald als drohender Schatten herausstellen sollte, stellte dabei der langsam immer näher rückende Schuldienst des folgenden Herbstes dar, dessen Ausübung zumindest eine Verbesserung unserer finanziellen Lage bewirken sollte. Fraulis damaliger Direktor, ein durchaus ehrenwerter und verständnisvoller Mann, hatte mit Frauli, trotz der Befürchtung, sie würde tatsächlich an einer manischen Depression leiden, das aufzuklären war ihr nämlich immer wieder entfallen, da sie ja selbst wusste, dass dem nicht so sei, vereinbart, im Frühjahr des aktuellen Jahres unserer Geschichte, also 2016, über die bevorstehende Wiederanstellung zu telefonieren.

Als besagter Tag langsam näher rückte, begann sich in Fraulis Magen und ebenso in ihrer Herzgegend jenes altbekannte Gefühl bemerkbar zu machen, dessen Deutung ihr mittlerweile ebenso leicht viel, wie das einer vollen Blase.

Mit einem rigorosen „Nein“, das allerdings dieselbe mitleiderregende Wirkung zeigte wie damals, als sie zu Beginn unseres Zusammenlebens versuchte, mich dazu zu überreden, von meinem Sofa herunter zu kommen, und ein paar Fläschchen Bier, welche für eben genau diese Notfälle immer im Kühlschrank, gleich einem Medikamentenschrank, aufbewahrt wurden, versuchte Frauli die drohende Panikattacke zu besiegen. Allerdings – einmal da, lässt sich dieses kleine Monster genauso wenig vertreiben wie Motten, die sich in einem schlecht gelüfteten Kleiderschrank eingenistet haben. Trotzdem versuchte sie, gleich einem immer leicht alkoholisierten Kammerjäger, ein paar Tage lang das scheinbar ihr Leben regulierende Biest zu ertränken, bis sie schließlich resigniert aufgab, um sich wieder einmal mit ihrer gegenwärtigen Situation auseinander zu setzen.

„Du willst ja eigentlich gar nicht mehr in die Schule zurück, du Dummerchen. Warum denkst du überhaupt darüber nach?“ erklärte Fraulis innere Stimme die prekäre Lage - gleich einem alten Schulmeister, der ständig süffisant lächelt, da er weiß, dass er so und so immer Recht hat. „Nenn` mich nicht dumm, du alte Schlaumeierin – schließlich möchte ich nicht unter irgendeiner Brücke schlafen!“ - eine Vorstellung, welche Frauli verständlicherweise noch weitaus mehr erschaudern lies, als jenes bereits dargestellte Szenario, in dem sie als mittellose, spirituelle Katzenhüterin die Hauptrolle spielen würde. „Musst du auch nicht, mein Liebes. Aber vielleicht ist es nun endlich an der Zeit, dass du deiner wahren Bestimmung folgst und deinen für dich vorgesehenen Weg gehst.“ - „Und was soll das bitte sein?“- „ Das sage ich dir nicht, da musst du schon selbst dahinter kommen!“ - „Du böses Weib“ seufzte Frauli und tat das, was sich ihre liebenswerten Eltern wohl immer gewünscht hätten, als sie ihre Beine noch unter ihrem Tisch ausstrecken durfte: Sie gehorchte, hörte auf ihre innere Stimme und quittierte für das kommende Schuljahr ihren Dienst, um eben jene unbekannte Freiheit, von der sie überhaupt keine Ahnung hatte, was sie denn in Wirklichkeit sei, kennen zu lernen. Wie sie ihr Leben ohne einen geregelten Job bewerkstelligen werde, wusste sie ebenso wenig zu beantworten wie die Frage, auf welche Weise sie diese Entscheidung dem zweithöchsten Wert in ihrem Leben, nämlich ihrer Familie, mitteilen sollte

Soviel sei an dieser Stelle nur schon verraten: Wir leben heute, knapp 8 Monate nach diesem Entschluss, noch immer nicht unter einer Brücke, Frauli hat auch noch nicht zugenommen oder sich weitere Katzen angeschafft – allerdings - Was diese Freiheit nun tatsächlich ist, das versucht sie noch immer zu ergründen.

Das Geheimnis der Freiheit ist Mut.
— (Perikles)