KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Zu glauben ist schwer.
Nicht zu glauben ist unmöglich.
— (Victor Hugo)

Aus welchem Grund schreibe ich eigentlich diese Geschichten aus unserem Leben auf? Um als schreibender Hund in einem, unsere Gattung betreffend, nicht existierenden Genre Anerkennung für meine wohl eher dem Durchschnitt entsprechenden Künste zu erhoffen? Aus Langweile, da die Tage häufig zu viele ungenützte Stunden aufzuweisen haben, die man daher besser dieser Art der geistigen Betätigung als dem doch zu Unzufriedenheit führendem Müßiggang widmen könnte? Um Mitgefühl mit meinem Frauli zu erbitten, welche das Leben mit seiner auf den ersten Blick manchmal doch unerbittlichen Härte nicht besonders feinfühlig in diese zahlreichen Veränderungen befördert hat?

Wohl kaum. Vielleicht ist es an dieser Stelle auch weder nötig noch möglich einen genauen Grund für meine Zeilen anzuführen, da gewissen Dinge im Leben eines solchen vermutlich gar nicht bedürfen, sondern aus einem tiefen inneren Gefühl heraus nach Ausdruck streben. Ein gesellschaftlicher Nutzen solcher, der eigenen Intuition entspringenden Tätigkeiten ist demnach auf den ersten Blick ebenso wenig erkennbar wie das Ziel der selbigen. Und wird es vielleicht auch niemals sein.

Alleine der Glaube und das Vertrauen in diese meiner Intuition entstammenden Tätigkeit verleiten mich dazu, immer wieder aufs Neue mit Freude und Begeisterung an diese Arbeit heranzugehen, und zwar trotz der immer wieder auftretenden Unsicherheit, ob ich dabei wirklich meine ganz persönlichen Talente ausleben und entdecken darf.

Was sind sie allerdings nun – diese individuellen Fähigkeiten, die angeblich in einem jeden von uns schlummern, um dann doch häufig, ein ganzes Leben lang unentdeckt, gleich der sich vom Tage verabschiedeten Sonne langsam zu verblassen? Zeigen sie sich durch das Beherrschen eines jener Unterrichtsfächer, für die man am Ende seiner Ausbildungszeit aus verschiedensten Gründen eine außerordentlich gute Benotung bekommen hat? Oder entsprechen sie vielleicht doch der Beurteilung des einen oder anderen Lehrers diverser Freizeitbeschäftigungen, deren Meinung man naturgegeben als Jugendlicher mehr Beachtung schenkt als jener der eigenen Eltern? Wissen vielleicht doch tatsächlich jene durch ihre längere – was ebenfalls den Gesetzesmäßigkeiten der Natur entspricht – Lebenserfahrung gepaart mit dem parentalen Bestreben, für die eigenen Sprösslinge immer nur das Beste zu wollen, wo deren wahrlichen Begabungen liegen? Oder vermag dann doch einer jener wissenschaftlichen Tests, den zu absolvieren sich in unserer Gesellschaft als fast unumgängliche Notwendigkeit etabliert hat, den jungen Menschen ihre individuellen Talente aufzuzeigen?

Ich denke nicht. Mag es auf den ersten Blick auch gewagt erscheinen, denke ich tatsächlich, dass nichts im Außen die inneren, ganz persönlichen Begabungen eines Individuums benennen kann, außer dieses selbst. Demzufolge müsste also jeder Mensch die Möglichkeit haben, gemäß seiner individuellen, in ihrer Einzigartigkeit wundervollen Fähigkeiten in jeder Hinsicht ein erfülltes Leben zu führen. Müsste – wohlgemerkt.

Das dem nicht immer so ist, zeigt wohl sehr gut die Geschichte meines Fraulis, deren Leben sich zu Beginn des vergangenen Jahres nach dreiwöchigem Aufenthalt in jener bereits bekannten psychiatrischen Klinik, ohne fixe Anstellung, partnerlos in ihrer kleinen Wohnung am persönlichen Tiefstand befunden hat. Das einzige, was sie zum damaligen Zeitpunkt mit Sicherheit sagen konnte, war, dass sie in dieser Situation ebenso wenig verharren konnte wie ein Braunbär in der Antarktis. Und da sie nicht damit rechnen wollte, eines Tages von einem jener Wunder, die man immer wieder in diversen Zeitungen mitverfolgen kann und welche sich Lottogewinn bzw. Tod der reichen Erbtante nennen, überrascht zu werden, beschloss sie eben an sich selbst zu glauben und sich auf die Suche nach ihrer ganz persönlichen Fähigkeiten zu machen, mit deren Hilfe sie, so wurde es zumindest in Betracht gezogen, aus der Misere entkommen und sich ein eigenes neues Leben aufbauen könnte. Das Problem: Wo liegen denn nun eigentlich diese speziellen Talente von Frauli. Beim Unterrichten von Kindern. Gut. Im Umgang mit den Tieren. Auch ganz nett. Aber ist da vielleicht doch noch mehr? Und wer könnte darüber Bescheid wissen? „Du selbst, du kleines Dummerchen“, meldete sich das Leben wieder einmal kopfschüttelnd zu Wort, „setz dich doch einfach einmal hin, halt die Klappe und höre zu – du hast ja alle Antworten bereits in dir!“ „Ja genau“, konterte Frauli in bekannt trotziger Weise, allerdings setzte sie sich dann doch wieder einmal artig in den Wald, um es, getarnt als meditierende Yogi, auf einen Versuch ankommen zu lassen. Nun – wie fragt man sie jetzt allerdings – diese ominöse innere Stimme, die angeblich über alle Dinge des eigenen Selbst so gut Bescheid weiß, diese aber es aus irgendeinem Grund mit dem Geiste nicht zu teilen wünscht? Die Kurzfassung dieses Vorganges ist ganz einfach: Hinsetzen – Frage stellen – Klappe halten – Gedanken ausschalten – hinhören – staunen.

Vielleicht möchtest es ja auch du, mein lieber Leser, einmal auf einen Versuch ankommen lassen.

Glaube mir: Für Frauli, deren ständig in teils wirren Gedankenspielen verstrickter Geist unaufhörlich Selbstgespräche zu führen pflegte, war diese Leistung des einfachen Hinhörens ähnlich einer Bezwingung des Mount Everest. Und auch heute ist sie erst 300 Höhenmeter weiter unten anzutreffen. Allerdings war sie dann doch, nachdem sie sich mehrmals vergewissert hatte, weder Alkohol noch irgendwelche bewusstseinserweiternden Substanzen zu sich genommen zu haben, vom Ergebnis dieses ersten Lauschens erstaunt: Ihre zarte, da jahrelang kein Gehör bekommen, innere Stimme wünschte es sich doch tatsächlich Bücher zu schreiben. Und nicht nur eines – so bescheiden war dieses kleine Wesen dann auch wieder nicht – sondern drei. Für den Beginn zumindest.

 

„Typisch“, seufzte mein Frauli resignierend auf, „natürlich muss ich wieder so etwas machen, das von der Allgemeinheit (ungerechterweise) oft als brotlose Kunst abgewertet wird und von dem ich ja noch nicht einmal weiß, ob ich das überhaupt in irgendeiner Weise kann.“ Das kleine Stimmchen beharrte allerdings, glückselig, dass es endlich einmal gehört wurde, auf seine Rechte und vermittelte Frauli von Mal zu Mal, die aufgehört hatte zu überlegen, ob sie nun tatsächlich verrückt geworden wäre, eine immer klarere Vorstellung davon, was geschrieben werden sollte, und Frauli machte sich alsbald daran, diese inneren Impulse nach Außen zu tragen. Lediglich unterstützt von ihrem Glauben an diese. Wissen, wohin sie das alles führen würde, konnte sie ebenso wenig, wie jemand weiß, wo er wieder hinaus kommt, nachdem er beschlossen hat, einen Tunnel durch einen Berg zu graben.

Es war zumindest einen Versuch wert, denke ich, denn an wen oder was sollte man nun tatsächlich in diesem Leben glauben, wenn nicht an sich selbst und seine eigene Intuition? Klar, man könnte an Ufos glauben, ist bestimmt sehr spannend. An Geister. An Engel. An die Unendlichkeit. An Macht. An das Wort. An die Liebe. An den Frieden. Mag das auch alles seine Berechtigung haben, so ist es meiner Meinung nach dennoch das wichtigste, dass man an sich selbst und seine ganz besonderen Fähigkeiten glaubt. Alles andere ist oft ein Hilfesuchen im Außen, ein Festklammern an einem in Wind wehenden Strohhalm, bei dem man nie wissen kann, wann er tatsächlich einmal abbricht.

KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1