KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Furcht besiegt mehr Menschen
als alles andere auf der Welt.
— Ralph Waldo Emerson

Nun war mein Frauli also insoweit erleuchtet, dass sie die eben genannte „Wozu-Frage“ in ihr Repertoire von unzähligen Fragen, die tagein, tagaus in ihrem Geiste herum spukten, aufgenommen hatte und aus diesem feierlichen Anlass heraus versuchte sie, der gesamten Misere, wie sie ihr Leben damals nannte, mehr Sinn zu geben.

Allerdings ist es mir ein Bedürfnis, an dieser Stelle auch einmal zu erwähnen, dass mein recht bodenständiges Frauli keinesfalls zu einer ständig meditierenden Yogi, welche sich mit den Geheimnissen des Lebens in scheinbar stundenlangen Sitzungen im Walde auseinandersetzt, mutiert ist - dies war zu meiner und hoffentlich auch eurer Erleichterung keineswegs der Fall, da es ja immer der augenblickliche Alltag ist, der es verdient gemeistert zu werden.

Ich denke nur, dass - soweit ich es eben als Hund beurteilen kann – gewisse Veränderungen in Fraulis Leben dir, falls du dich gerade in einer ähnlichen Situation befindest, eine wertvollere Unterstützung schenken können, als etwa jene desaströse Erzählung, deren Inhalt die durchwegs peinliche Tatsache ist, dass Frauli ihren ehemaligen Gefährten allen Ernstes mit dem ihrer Meinung nach dafür angebrachten (Mut-) Pegel an Alkohol zu verführen versuchte – diese Geschichte möchtest du auch gar nicht wissen;-)

Allerdings zeigte sie mir, als ich in ominöser Nacht in meinem Körbchen lag und versuchte, mich vor peinlichem Entsetzen berührt möglichst leise zu verhalten, dass es euch Menschen scheinbar sehr schwer fällt, eine einst geliebte Person nicht nur in euren Gedanken, sondern auch in eurem Herzen endgültig loszulassen. Und besonders großer Stärke bedarf es, sobald eine so bedeutende Entscheidung einmal getroffen wurde, dieser auch in allfälligen Krisen, die sich bei meinem Frauli in der damaligen Zeit immer wieder heimtückisch anschlichen, treu zu bleiben.

Was ist es allerdings, das euch Menschen so an einer einst geliebten Person festhalten lässt, obwohl ihr einst bei klarem Verstand und aus tiefer innerer Überzeugung beschlossen habt, künftig getrennte Wege zu gehen? Ist es die Furcht vor jener Einsamkeit, welche auszufüllen auch eine ganze Armada von Freunden nicht imstande ist? Ist es die Gewohnheit, die man zu vermissen glaubt, oder die Veränderung, welche man fürchtet, da sie einen zwingt neuen, unbekannten Boden zu betreten? Ist es die Angst davor in einem Leben, das Partnerschaften auf die Liste jener Dinge setzt, die es, um erfolgreich zu sein, zu erfüllen gilt, „alleine“ nicht für vollwertig genommen zu werden? Was auch immer es ist, das euch Menschen fast schon verzweifelt an euren Partnern festhalten lässt, auch wenn ihr dabei von einer Wolke aus unliebsamen Gefühlen umgeben seid, die euch nach und nach jedweder Freude beraubt und eigentlich eine noch größere Einsamkeit bereitet, als wenn ihr tatsächlich alleine leben würdet, es scheint mir aus Angst, und nicht aus Liebe zu geschehen. Aber wovor habt ihr so große Furcht? Und warum lasst ihr euch von dieser beherrschen - und zwar soweit, dass ihr aus scheinbarer Liebe heraus Dinge unternehmt, die weder die gewünschten Veränderungen bringen, noch in irgendeiner Weise zu eurem persönlichen Glück beitragen?

Als Frauli, sehr gekränkt in ihrem weiblichen Stolz ob dem gescheiterten Versuch ihren Gefährten wieder für sich zu gewinnen, über eben diese Fragen nachdachte, fiel ihr „zufällig“ ein Buch in die Hände, dessen erstes Kapitel die Überschrift „Liebe statt Angst“ getragen hat. Erstaunt über diesen Zufall, allerdings sich keineswegs im Klaren darüber, dass das Leben oft sehr wohl bewusst zur rechten Zeit zur Hilfe eilt, wurde das Büchlein auf unsere Spaziergänge mitgenommen und das Gelesene zu begreifen versucht.

Nach einigen Seiten Lektüre wurde Frauli bewusst, dass sie sich nicht nur vor für die Allgemeinheit harmlosen Horrorfilmen fürchtete, sondern vor so ziemlich allem im Leben, was eine Veränderung, sprich das Verlassen der ja ach so gemütlichen Komfortzone, bedeutete. Und sie musste erkennen, dass ihr diese unterschwellige Angst jedwede Möglichkeit zur Weiterentwicklung und zum wahrhaften Glücklichsein nahm. Eine Besserung des allgemeinen Wohlbefindens wurde vom Autor des besagten Buches dann versprochen, wenn man sich statt auf Furcht auf die Liebe im Leben besinnt und versucht, alles durch ihre Augen zu sehen.

Frauli hat diesen Rat anfangs ein wenig missverstanden, denn jetzt konzentrierte sie sich allen Ernstes darauf, ihren ehemaligen Gefährten nur noch zu lieben - und auch alles, was er jemals getan oder gesagt hatte. Kopfschüttelnd - so gut das eben für einen Hund wie mich möglich ist - bin ich neben ihr gesessen und habe sie dabei beobachtet, wie sie in eines der zahlreichen Bücher, die zur Neuordnung des Lebens angeschafft und gefüllt wurden - wir hätten mittlerweile ein Bibliothek davon zu Hause, hätte Frauli nicht im Schreiben von „echten“ Büchern ihre Leidenschaft entdeckt – Tag für Tag hineinschrieb, was sie alles an ihrem ehemaligen Gefährten liebte. Dinge, die man eigentlich gar nicht lieben kann, wurden aus diesem Gefühl heraus betrachtet, und Frauli stellte nach einigen Wochen zufrieden fest, dass sie diesen Mann nun wahrhaft bedingungslos liebte. Gratuliere.

Da sie diese herausragende Errungenschaft natürlich nicht mit sich alleine auskosten wollte, wurde in den Mittelpunkt ihres Bewusstseins gerückter Mann umgehend angerufen und von dieser großartigen Entwicklung informiert. Erstaunt – oder fassungslos?- nahm dieser zur Kenntnis, dass Frauli ein halbes Jahr nach ihrer Trennung nun endlich so weit wäre ihn zu lieben und er bedankte sich für diese frohe Kunde.

Überaus zufrieden mit sich selbst, fuhr Frauli nach diesem Telefonat auf die Autobahn, um von jenem Kurs, bei dem ihr Pferdchen wieder lernen durfte, noch ein wenig mehr nach ihrer Pfeife zu tanzen und somit jene Aufgabe erfüllte, vor denen sich die menschlichen Kerle in Fraulis Leben wohlweislich hüteten, nach Hause zu fahren. Es dauerte nicht lange, da stellte sich jene altbekannte Freundin, die es wertzuschätzen und zu verfluchen gleichermaßen gilt, als Besucherin ein und Frauli musste sich an jenen gut gemeinten Rat bereits bekannten Sanitäters erinnern und sich auf eine ruhige Atmung konzentrieren. „Wozu“ - man beachte, Frauli konnte die neuen Erkenntnisse bereits in der Praxis umsetzen - „Wozu brauche ich jetzt eine verdammte Panikattacke? Habe ich nicht gerade gelernt meinen ehemaligen Gefährten bedingungslos zu lieben? Würde ich da nicht eher eine Medaille verdienen? Scheiß Leben.“ Fluchte sie vor sich hin, fieberhaft überlegend, was ihr diese prekäre Situation nur schon wieder aufzeigen wollte. „Schau nicht zurück, mein Liebes- was vergangen ist, ist vergangen. Blicke nach vorne.“ „Zauberhaft, ich danke dir, du doofes Leben - warum habe ich mich dann so bemüht meinen Gefährten endlich bedingungslos lieben zu können?“ „Da hast du wohl nicht verstanden, dass das, von dem man sich bewusst getrennt hat, mit Liebe loszulassen ist, du Dummerchen. Das war deine Aufgabe.“ „Okay Danke, entschuldige meine Wortwahl“ resignierte Frauli bereits mit deutlich frischerer Gesichtsfarbe und konnte ohne weitere Vorkommnisse ihren Heimweg fortsetzen.

(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)

Es gibt keine Grenzen.
Weder für Gedanken, noch für Gefühle.
Es ist immer die Angst, welche Grenzen setzt.
— Ingmar Bergmann