KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

DER WEG VON DER RUMÄNISCHEN STRASSHÜNDIN ZUR THERAPIEHÜNDIN-

ODER: WIE DER GLAUBE AN UNS SELBST BERGE VERSETZEN KANN.

Man kann in Veränderung nur dann Sinn finden,
wenn man in diese eintaucht, mit ihr mitgeht
und sich dem Tanz anschließt.
— Alan Watts

........Wozu nochmal ist das alles gut?

Im März dieses neuen Jahres begann dann Frauli mit ihrer zweiten Ausbildung, welche sie für ihre, vom Leben verordnete Bildungskarenz benötigte: Sie absolvierte, wenngleich ihre psychische Verfassung noch weit entfernt von dem war, was man unter „ausgewogen in seiner Mitte sein“ versteht, einen Lehrgang zur diplomierten Mentaltrainerin, welcher sich im Nachhinein vor allem als gelungene Investition in das eigene Wohlbefinden herausstellte. Hatte Frauli nämlich in den letzten 4 Monaten, die seit der Trennung von ihrem noch immer in ihren Gedanken herumgeisternden Gefährten, eines kleinen Poltergeistes sozusagen, vergangen waren, vor allem versucht, ihren sowohl durch chemische, als auch biologisch abbaubare Suchtmittel, zu denen Bier zweifelsohne zu zählen ist, stark in Mitleidenschaft gezogenen Körper wieder auf Vordermann zu bringen, so erschien es ihr nun ein guter Zeitpunkt zu sein, sich mit den Geheimnissen des menschlichen Denkens auseinander zu setzen.
Eine der ersten Lektionen, die ihr in diesem Kurs liebevoll erteilt wurde, war jene, dass man im Leben nicht danach fragen sollte „Warum passiert mir das?“, sondern „Wozu?.“ Auf den ersten Blick machte es für Frauli keinen Unterschied, ob sie sich der Frage „Warum tue ich mir diese ganze Scheiße an?“ oder „Wozu tue ich mir diese ganze Scheiße an?“ widmete. Klar, es ist natürlich um vieles einfacher, sich mit Überlegungen wie „Warum ist das Leben so böse zu mir?“ selbst zu bemitleiden, als sich auf den eigenen Popo zu setzen und objektiv zu erörtern „Wozu dienen mir all diese Veränderungen?“ Entschuldige bitte meine, in obigem Beispiel gewählte Ausdrucksweise, lieber Leser, es wird nicht mehr allzu lange dauern, dann gehört dieses, nicht einem vornehmen Wesen wie mir entsprechende Wort bereits der Vergangenheit an. Frauli haderte nämlich noch sehr mit ihrem Schicksal in jenen Tagen, ständig versucht, ihr neues, von Kartoffeln, Nudeln und absoluter Sparsamkeit geprägtes Leben im Gemeindebau an den Nagel zu hängen, ihren Stolz zu vergessen und wieder um Aufnahme in ihrem alten Leben zu bitten.
Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass man es allerdings einmal auf einen Versuch mit dieser ominösen Frage ankommen lassen könnte und so wurde auf unsere langen Waldspaziergange ein Buch mitgenommen und ein großes „Wozu?“ als Überschrift auf dessen erste Seite gesetzt:
„Wozu lebe ich nun so, wie ich es augenblicklich, ohne etwas zu beschönigen, tue?“ (Viel Raum für irgendwelche Beschönigungen hatte sie ja so und so nicht zur Verfügung.) Frauli, der sinnhaftes Philosophieren in keinem Fall so leicht fällt wie das bereits erprobte Segnen unliebsamer Gegebenheiten und neuer Geliebten, brauchte sehr sehr lange, bis sie zu dem Entschluss kam, dass das Leben vielleicht doch nicht so eine miese Verräterin wie anfangs angenommen ist, sondern ihr auf so schonende Weise, wie es eben bei Fraulis Sturheit möglich ist, eine Gelegenheit zum Lernen, Wachsen und Selbstfinden schenken könnte. (Frauli hasste allerdings nichts mehr als diese ganzen Selbstfindungsgeschichten in gleichnamigen Büchern, da es ihr als viel zu anstrengend erschien, über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken.) Die Betonung lag auf „Könnte“ - so ganz sicher war sie sich bei dieser neu gewonnenen Erkenntnis noch nicht, allerdings vermittelte sie ihr ein um einiges angenehmeres Gefühl wie jenes Horrorszenario, als durch Frustessen übergewichtige Versagerin in ihrer Wohnung zu verrotten und sich eventuell noch eine zweite Katze anzuschaffen.
So nahm Frauli nun also diese, ihrer Meinung nach doch etwas brutale Hilfe zur Selbsthilfe an – allerdings keineswegs noch in jener Dankbarkeit, welche das Leben zweifelsohne in diesem schwierigen Fall von Starrheit verdient hätte, sondern eher deshalb, weil es ihr als die einzig sinnvolle Möglichkeit erschien, da jemals wieder heil raus zu kommen.
Lektion Nummer 1: Frauli erkannte, dass es ihr in der Vergangenheit absolut an Selbstständigkeit fehlte und sie seit ihrer Geburt liebevoll den Popo gereinigt bekam - im übertragenen Sinn natürlich, alles andere wäre auch sehr bedenklich gewesen. Dank ihrer wundervollen Eltern hatte es ihr nie an etwas gemangelt und so sah sie auch überhaupt keine Notwendigkeit darin, zumindest nach ihrem Studium von zu Hause auszuziehen und sich eine eigene Existenz zu schaffen. (Die damalige erste Panikattacke war im Nachhinein betrachtet wohl der erste Hinweis für Frauli gewesen, etwas an ihrem Lieben zu ändern….) Viel zu bequem war doch die von jedweden Mietgebühren freie Wohnung mit angrenzendem Pferdestall und einer Garage für das Auto inklusive. All inklusive, sozusagen. Warum sollte man da ausziehen, geschweige denn so weit denken, sich irgendetwas für ein zukünftiges Leben zu sparen, wenn es doch viel mehr – wie wir bereits wissen scheinbare – Freude macht, mit der geliebten Schwester auf Urlaub zu fahren, dem Pferdchen einen Sattel im Wert einer Luxushandtasche zu kaufen oder diverses Zeug im Internet zu bestellen. Als es ihr dann doch, einem inneren Gefühl folgend, mit 32 Jahren vorkam, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, die so geliebte und überaus bequeme Kinderwiege zu verlassen und ihren heiß geliebten Schnuller abzugeben, um endlich auf eigenen Füßen zu stehen, zog sie von zu Hause aus und in das Haus ihres Gefährten, welches er für sie beide ob der dazugehörenden Weiden und dem kleinen Stallgebäude angekauft hatte, ein. Ein wirklicher Fortschritt in Sachen Selbstständigkeit. Wieder nuckelte sie am vertrauten Schnuller und lies sich versorgen, allerdings hatte sie zumindest zu Beginn das Gefühl endlich frei und selbstständig zu leben. „Falsch gedacht, liebes Frauli“, erklärte ihr das Leben mit einem süffisanten Lächeln, nahm der 35-jährigen bösartig den Schnuller endgültig aus dem nicht mehr ganz so niedlichen Kindermund und schickte sie los, um endlich wahre Selbstständigkeit zu erfahren.
Lektion 2: „Es gibt keinen Goldesel - glaub nicht mehr daran, kleines Mädchen.“ Mittlerweile hast du ja bereits mitbekommen, das Geldangelegenheiten nicht besonders zu Fraulis Vorlieben zählten - klar - sie hatte sich ja auch nie wirklich damit befassen müssen und als Lehrerin sehr ordentlich verdient, und so zeigte ihr die weise Lehrmeisterin Leben, wie wichtig es ist, dieses sowohl zu schätzen, als auch vernünftig einzuteilen. Das Einteilen hatte Frauli ob der Tatsache, dass sie eine sehr genügsame Esserin ist, sehr rasch heraußen - auch wenn es ihr keinerlei Freude bereitete, am Tag maximal 15 Euro für uns alle ausgeben zu können – das Wertschätzen eures Zahlungsmittels war ein viel wichtigerer Lernprozess für sie. Frauli erkannte nämlich in jenen Tagen, dass sie, auch wenn dies nun etwas merkwürdig für dich klingt, Geld nie besonders gemocht hatte. Freilich - sie hatte kein Problem damit es auszugeben, aber es blieb ihr aus dem Grund auch nie etwas übrig, da sie es tief im Inneren abgelehnt hatte. Und wie bitte soll dann dem Gesetz der Resonanz entsprechend etwas bei dir bleiben, wenn du es eigentlich gar nicht willst? So verbrachte Frauli viele Tage damit, ihre Einstellung zu Geld zu überdenken, es wie alles andere in ihrem Leben wertschätzend zu segnen und sich bei ihm zu bedanken, was es ihr alles ermöglichte. Die Tatsachen, dass Bares ihr unter anderem auch die Fahrten zu ihrer Familie ermöglichte, hin und wieder ein Ausgehen mit Freunden in ein Lokal erlaubte oder eine Trainingsstunde mit meiner Wenigkeit möglich machte, halfen ihr dabei, Geld als ebenso zum Leben gehörend zu sehen wie die Sonne oder die frische Luft zu atmen. Da hätten keine vielseits beliebte Affirmationen wie „Ich liebe Geld, es fließt leicht in mein Leben“ u.s.w. geholfen, welche man in diversen Ratgebern und Wunschbüchern an das Universum findet, sondern in Fraulis Fall musste das Leben zu etwas drastischeren Mitteln greifen, um ihr die Augen zu öffnen und wahre Dankbarkeit zu lehren.
Bezüglich der „Wozu - Frage“ kann ich dir in den nächsten Abschnitten meiner Erzählung noch viele weitere Geschichten erzählen, mein lieber Leser. Vielleicht helfen dir allerdings jetzt schon die beiden Beispiele aus Fraulis Leben, dass du dich, wann immer dir etwas Unerfreuliches passiert, einfach einmal hinsetzt und dich fragst: „Wozu ist das gerade gut? Was kann ich daraus lernen?“
(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)