KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

 
Du wirst mit Recht alles in der Hand haben, wenn du König über dich selbst sein kannst.
— Claudian, um 370-405 n. Chr., römischer Dichter
 

Als dann endlich der besondere Tag gekommen war und Fraulis bereits bekanntes Sammelsurium undefinierbarer Rassen und frei von jedweden Stammbäumen in die unserem Städtchen benachbarte Ortschaft umgesiedelt war, da war sie sehr sehr glücklich und dankbar. Es war dies eine bis zu diesem Zeitpunkt für Frauli fast noch gänzlich unbekannte Dankbarkeit, die in keinster Weise mit jener zu vergleichen war, die sie unter anderem verspürt hatte, als ihr nicht ganz so edler Dreiviertellippizaner einen noblen Dressursattel um 2700 Euro verpasst bekam, der den Wert des geliebten Tieres um ein vielfaches übertraf.

Vergessen war die fast schon zur Gewohnheit gewordene Unzufriedenheit, die sich mit nichts auf Dauer, auch nicht mit unlängst erwähntem zweiten Reitplatz, der mittlerweile ein Nährboden für das in dieser Gegend typische Unkraut geworden war, in eine von Dankbarkeit geprägte Wertschätzung verwandeln konnte. Musste Fraulis kleiner Schimmel, dem man sogar an der Färbung seines in unterschiedlichsten Grautönen glänzenden Felles ansehen kann, dass seine Vorfahren nicht von ganz so edler Herkunft waren, vor entscheidendem Wendepunkt in ihrem Leben mit auf ihre Reithosen und Pullover farblich abgestimmten Decken durch das hauseigene Reiteldorado tänzeln, so wurden nun aus Kostengründen die einst so unverzichtbar erscheinenden Hufeisen entfernt und lange Spaziergänge in den Wäldern genossen.

In Dankbarkeit annehmen – das war eine jener Lebensweisheiten, die Frauli zusätzlich zu dem heilsamen Segnen, eine Angewohnheit, die dir ruhig ein Schmunzeln auf deine Lippen zaubern darf, und dem, trotz seiner geheimnisvollen, Ruhe verströmenden Kraft noch immer ein wenig Skepsis in Fraulis modern denkendem Geist auslösenden Beten, von Tag zu Tag mehr innere Zufriedenheit geschenkt hatte. (Es blieb ihr ja, mein lieber Leser, ganz ehrlich unter uns gesagt, auch gar keine andere Wahl, wollte sie nicht wieder in jener selbstzerstörerischen Ohnmacht versinken, welche schon einmal zu einer absoluten Handlungsunfähigkeit und übermäßigem Alkoholkonsum geführt hatte.)

Etwa zur selben Zeit konnte Frauli ihre neue, unsere aller Nahrung sichernde Anstellung in der Apotheke von bereits bekannter Freundin antreten, während dieser zwei ganz entscheidende Erkenntnisse ihren Geist erhellten: Erstens – man kann immer etwas arbeiten, auch wenn man sich zwischenzeitlich ein wenig unter seinem Wert verkaufen muss. Okay - ein besondere, die gesamte Welt in ihren Grundfesten erschütternde Erleuchtung stellt diese Erkenntnis meiner Meinung nach nicht dar, lieber Leser, allerdings war es für Fraulis persönliche Entwicklung ganz wichtig, auch als studierte Akademikerin einen ihrer Ansicht nach eher mäßig bezahlten Aushilfsjob dankend anzunehmen, bei dem sie zwischenzeitlich den halben Tag lang furchtbar staubendes Riechsalz ordentlich abgewogen in kleine Fläschchen füllen durfte. Von ihren neuen Gefühlen des Annehmens, der Wertschätzung und der Dankbarkeit geprägt, sowie mit der neuen Fähigkeit ausgestattet, auch als Nicht-Priesterin unangenehmen Personen oder Situationen durch aufrichtiges Segnen eine gleich viel angenehmere Ausstrahlung zu schenken, machten ihr die, ob Fraulis pharmazeutischen Grundkenntnissen zwar eher anspruchsloseren aufgetragen Tätigkeiten zusehend mehr Freude. Nach einiger Zeit allerdings fühlte sie sich, inspiriert von der Vielfältigkeit ihres Arbeitsplatzes sowie des herrlich weißen Mantels, den sie tragen durfte und der ihr eine gewisse pharmazeutische Grundaura verlieh (;-)), bereits ausreichend versiert, um das Grundkonzept einer Heilkräuterlinie für Hunde und Pferde zu entwickeln und ihrer Freundin zu präsentieren - das ist aber eine andere Geschichte.

Die zweite, und um einiges bedeutsamere Erkenntnis als die Tatsache, dass ihr weiß eigentlich ganz gut steht, war jene, dass Frauli zu hinterfragen begann, warum sie sich eigentlich von all den Psychopharmaka, die es notgedrungen an ihrem neuen Arbeitsplatz in die dafür vorgesehenen Laden einzuräumen galt, fast magnetisch angezogen fühlte. Und das lag zweifelsohne nicht an den so schön bunten Farben ihrer Verpackungen.

Seit jener bereits erzählten schicksalshaften Nacht, in der Frauli nur im Pyjama bekleidet von ebenfalls schon bekannten, ob ihres Essverhaltens in ihre Ungnade gefallenen Sanitätern mit Blaulicht, welches wohl eher dem Zwecke gedient hatte, die in eine Tüte atmende Patientin zu beruhigen und dieser das Gefühl von höchster Priorität zu schenken, als dass es wirklich erforderlich gewesen wäre, musste Frauli, so versicherten es ihr zumindest die von ihr konsultierten Ärzte, solche Psychopharmaka zu sich nehmen. Und zwar täglich. 10 Jahre lang. Sämtliche ihrer Versuche, selbstständig ihren medikamentösen Therapieplan zu unterbrechen oder diesen gleich völlig über den Haufen zu schmeißen, endeten in einer meist viel heftigeren Panikattacke als der vorangegangenen, Selbsthass und dem Gefühl, dem Leben und all seinen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Und auch die daraufhin aufgesuchten neuen Ärzte vermittelten ihr deutlich, dass sie sich ob ihres im Gehirn zu wenig produzierten Serotonins damit abfinden müsste, diese kleinen Dinger ein Leben lang zu schlucken. Dann wurde wieder ein neues Rezept ausgestellt und Frauli verbrachte die Tage, die es dauerte, bis ihr Gehirn den für das Wohlbefinden notwendigen Spiegel an Glückshormonen produziert hatte, damit, drohende Panikattacken mit größeren Mengen Alkohol zu unterdrücken. Solche Prozesse fanden in ihrem Leben durchschnittlich zweimal jährlich statt und zeugen meiner Meinung nach zum einen von ihrer in verschiedenen Bereichen auftretenden, konsequenten Beratungsresistenz, und zum anderen davon, dass sie all diese Jahre nie die Hoffnung aufgegeben hatte, einmal ohne diese kleinen Pillen, welche dich nie wirklich du sein selbst sein lassen, leben zu können. Klar – und nach 10 Jahren bis du dann definitiv süchtig nach ihnen.

Genau das erkannte Frauli, als sie diese bunten Verpackungen in eben die dafür vorgesehenen Laden schlichtete und gegen das Verlangen ankämpfte, am besten gleich einen Jahresvorrat mit nach Hause zu nehmen. Denn schaffte sie es zu diesem Zeitpunkt bereits, jene, das Bewusstsein und alle Empfindungen vollkommen betäubenden Notall – Panikattacken – Medikamente nie mehr wieder anzurühren, so schluckte sie noch immer brav auf ärztliche Anordnung täglich 10 mg der Sonnenschein im Gehirn versprechenden Glückspillen.

Als sie eines Tages mit meiner Wenigkeit wieder einmal im Wald saß und über alles mögliche und unmögliche nachdachte, beschloss sie es nochmal, gestärkt durch ihren neuen, noch in den Kinderschuhen steckenden Glauben, auf einen Versuch ankommen zu lassen und wider jeder Vernunft auf die tägliche chemische Dosis Glück zu verzichten. Ihre Hausapothekerin und unsere, wie bereits erwähnt in den Rang einer persönlichen Haus- und Hofärztin aufgestiegene Freundin wurde in diesen gewagten (;-)) Plan eingeweiht und höflichst darum gebeten, das stärkste pflanzliche Mittel, was es derzeit auf dem Markt der alternativen Heilmethoden gibt – legal versteht sich - zur Aufheiterung von Fraulis Psyche zu mischen.

Das ist mittlerweile genau ein Jahr her, und wenn Frauli das Pflanzenwasser anfangs auch wie Orangensaft in sich hineingeschüttet hatte, so ist sie diesbezüglich clean – benötigt weder das eine, noch das andere - worüber ich wirklich sehr stolz bin - so stolz man halt als Hündin auf seinen Besitzer sein kann. Aus diesem Grund habe ich auch großzügig darüber hinweggesehen, dass Frauli das eine oder andere Mal vielleicht ein wenig zu viel Bier getrunken hat, um das aufsteigende Gefühl von Angst und Unruhe zu unterdrücken, zumal das immer seltener notwendig geworden ist und Alkohol in ihrem Leben zu einem zwischenzeitlich ganz wohlschmeckenden Genussmittel geworden ist.

Lieber Leser – ich möchte dir durch diese Geschichte meines Fraulis an dieser Stelle nicht dazu raten, dass du jetzt sofort mit deinen Medikamenten, falls du welche benötigst, aufhören und dir stattdessen eine Kiste Bier in dein Zuhause stellen sollst, sondern wollte dir dadurch zeigen, dass so manches, was von anderen Menschen für unmöglich gehalten wird, dann doch möglich ist, wenn du an dich selber glaubst und dir vertraust. Bisschen Beten inklusive ;-)

(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)