KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

 
Unser grösster Ruhm liegt nicht darin, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen, wenn wir gescheitert sind.
— KONFUZIUS
 

…..Panikattacke, alte Freundin, ich danke dir für deine Hilfe.

Auch wenn ich an dieser Stelle ein wenig vorgreifen muss, möchte ich euch doch anhand einer Geschichte erzählen, wie Frauli gelernt hat, diese kleinen, ihrer Meinung nach durch und durch bösartigen und scheinbar aus heiterem Himmel eines nicht besonders gnädig gestimmten Lebens auftretenden Angstzustände zu überlisten:

Sie hat mit der Zeit zwei ganz wesentliche Dinge für sich erkannt: Erstens, und das war schon einmal sehr beruhigend in einer solchen Situation - „Ich werde nicht sterben.“ - Jackpot - Darauf kann man aufbauen und sich zusätzlich zum Mobiltelefon, worin natürlich die wichtigsten Notfallnummern gespeichert sind, festhalten. Zweitens: „Ich bin mal wieder auf dem falschen Weg und gerade dabei etwas zu tun bzw. zu denken, das absolut nicht gut für meine persönliche Entwicklung und mein weiteres Leben ist.“ Frauli fühlte sich sehr erleuchtet durch diese Erkenntnisse.

Gestärkt durch eben diese beiden Thesen und immer in der Gewissheit, dass für absolute Notsituationen – Höchststufe der Panikattacke sozusagen - dann doch ein Beruhigungsmittel, dieses anzurühren Frauli allerdings nie mehr wieder für notwendig gehalten hatte, im Haus wäre, gelang es ihr von Zeit zu Zeit besser, diese kleinen Monster lieb zu gewinnen und auf sie zu hören: „Annehmen und nicht dagegen ankämpfen“ war eine jener Weisheiten, die das Leben Frauli zur damaligen Zeit lehrte und welche sich auf so ziemlich jede unangenehme Situation anwenden lässt.

Als erstes wurde dann also nach dem so aufreibenden und keineswegs in Fraulis Bild eines harmonischen Lebens passenden Ereignis vom Parkplatz, der Tatsache ins Auge geblickt, dass an der Situation mit unseren Pferden definitiv ein Veränderungsbedarf besteht. Das Problem: Wir konnten es uns mit dem monatlichen Budget von 400 Euro, das uns der nette Finanzberater aufoktroyiert hatte, nicht leisten, die durch ihren ideellen Wert so besonderen Vierbeiner in einem anderen Stall unterzubringen. Am damaligen Hof ihrer Bekannten arbeitete Frauli nämlich für Kost und Logis ihrer Rösser täglich mit, indem sie auch die Boxen der dort heimischen Stallbewohner sauber hielt und jene auf die ihnen angestammten Weiden brachte – eine Aktivität, die zumindest ihrer Figur sehr wohl bekommen hatte.

Also erinnerte sich das zu diesem Zeitpunkt höchstens abergläubische Frauli daran, dass diese Geschichte mit dem Beten ja schon zweimal eine himmlische Antwort in Form einer positiven Veränderung brachte, und so entschied sie sich, es auch ein drittes Mal auf einen Versuch ankommen zu lassen. Aladin hatte von seinem Dschinni aus der Wunderlampe ja immerhin auch drei Wünsche gewährt bekommen, also könnte es prinzipiell auch bei Frauli funktionieren. Zu diesem Zwecke setzte sie sich im Vertrauen, dass von hier aus die Verbindung nach Oben bestimmt genauso gut herzustellen ist, wie in einem, ob der dort herrschenden Kälte und des penetranten Geruches nach Weihrauch nicht besonders zu ihren Lieblingsorten zählenden Gotteshäusern, in den Wald. So - und wie betet man nun? In diesem Augenblick ärgerte sich Frauli sehr darüber, dem schulischen Religionsunterricht nur bis zum gesetzlich verpflichtenden Zeitpunkt beigewohnt und sich dann trotz väterlichen Protestes sofort abgemeldet zu haben, beschloss allerdings, es auf ihre ganz persönliche Art und Weise zu probieren. So saß sie dann auf einem Baustamm, erklärte Gott ihre Situation und trat mit dem ihrer Meinung nach doch eher bescheidenen Wunsch an diesen heran, ihr doch bitte zu helfen, die Pferde behalten zu können und einen Stall ein wenig näher unserer Bleibe zu finden. Sie sprach sehr lange, die allmähliche Verspannung im Nacken ignorierend, zu den Wolken hinauf, denn dort, so wurde es ihr zumindest im Kindergarten erklärt, wohne ja schließlich dieser himmlische Vater mit all seinen Engeln.

Allmählich stellte sich eine in der Form noch nie dagewesene und für das an Panikattacken und einer angeborenen Unruhe leidende Frauli, völlig ungewohnte Ruhe ein und sie begann Gefallen an diesem ungewöhnlichen Gespräch zu empfinden - „Meine Güte, meine Liebe, du warst drei Wochen in einer psychiatrischen Klinik- da haben die Leute, falls dich hierbei jemand beobachten sollte, doch bestimmt Verständnis dafür, dass du auf einem Baumstamm sitzt und Selbstgespräche führst“ - versicherte sie sich selbst ob der doch noch ungewohnten Situation. Als sie dann der Meinung war, ihre Wünsche ausreichend klar und unter Betonung ihrer Dringlichkeit formuliert zu haben, bedankte sich Frauli bei ihrem dankbaren, da auf jeglichen Widerspruch verzichtenden Zuhörer und machte sich auf den Nachhauseweg - allerdings ohne das einst gelernte Kreuzzeichen durchzuführen, da sie der Meinung ist, dass man das da „Oben“ bestimmt nicht so genau nehmen würde und jemand, der vom Schicksal dafür ausgewählt, ohne Arme auf die Welt gekommen ist, ja gar nie „ordentlich“ beten könnte.

Ein paar Tage (keine Wochen oder Monate) vergingen, als ihr ein guter Bekannter mitteilte, dass nur 5 Minuten von unserer Bleibe ein Bauernhof liegen würde, dessen Besitzer einst selbst Pferde hatte, diese Räumlichkeiten nun allerdings leer stünden. Wir sollten doch einfach einmal hinfahren – unser Besuch sei schon angemeldet. „Danke“ - war alles, was Frauli in diesem Augenblick denken konnte, denn alles andere, wie zum Beispiel „es funktioniert“, schien ihr ob dieser raschen Antwort auf ihr noch etwas unsicheres Gespräch mit „Oben“ nicht passend und ausreichend wertschätzend zu sein. Wenn man jemanden am Telefon anruft und der sich drei Tage später noch an das Gespräch erinnert, oder wenn man etwas im Internet bestellt und es ein paar Tage danach geliefert bekommt, ist man ja schließlich auch nicht erstaunt über diese Reaktionen, geschweige zweifelt man an der Existenz der Kontaktierten.

Also machten wir uns mit Fraulis Freundin, welche die Adresse jenes Hofes kannte, der unser rettender Hafen sein sollte, auf den Weg, um den dort wohnenden Bauern davon zu überzeugen, dass er ja schon sein halbes Leben nur darauf gewartet hätte, Frauli samt ihrem Ponyzirkus auf unbestimmte Zeiten zu adoptieren. Der bereits etwas ältere und äußerst tierliebe Herr, wie wir ob der unzähligen dort herum wuselnden Viechlein zufrieden feststellen konnten, war unserer Bitte keineswegs abgetan, zumal Frauli ihm versicherte, zweimal am Tag selbst für die Versorgung ihrer Tiere auf der Matte zu stehen und für das Mieten des Stalles etwas, wenn auch nicht gerade viel, zu bezahlen. „Dann wollen wir einmal mit meiner Frau darüber sprechen - die möchte nämlich keine Pferde mehr am Hof haben,“ sprachs und lud uns in die gemütliche Küche seines Anwesens ein. „Scheiße“ - noch immer sehr häufig in Verwendung - „eine solche Bäuerin stand aber nicht auf meinem Wunschzettel, liebe „Ihr-da-Oben“,“ seufzte Frauli kurzfristig ein wenig resigniert, um sich gleich darauf vor gefürchteter lokaler Signora, die in einem samtgrünen Morgenrock ihren Gemächern im ersten Stock entstieg, von ihrer besten Seite zu zeigen. „Con grande cuore – mit viel Herz“ war einer der Leitsprüche von Fraulis Familie, insbesondere ihrer italophilen Mama, die fast jedes Mal in Tränen ausbrach, wenn sie den Boden unseres südlichen Nachbarlandes und ursprüngliche Heimat ihres Vaters betrat, und so versuchte Frauli mit besagter Hofbesitzerin auf Herzensebene zu kommunizieren. Nach zig innerlichen Schweißausbrüchen und etlichen Stoßgebeten nach „Oben“, man möge sich doch bitte an Fraulis deutlich definierte Wunschliste erinnern, willigte la Signora schließlich ein, uns allen eine Probezeit bis Sommer zu gewähren. Frauli fiel wohl in diesem Moment ein Stein so groß wie die gesamte Gebirgskette der Alpen vom Herzen, und der baldige Umzug der Rösser wurde, was sich sehr positiv auf Fraulis Gefühlsleben auswirkte und etwaigen Panikanfällen diesbezüglich keinen Raum mehr bot, geplant. Diese traten erst dann wieder auf, als es für Frauli wieder galt diverse Einstellungen loszulassen und notwendige Veränderungen durchzuführen.

Wir sind, ein Jahr später, noch immer auf diesem Hof, dessen Bewohner ein Teil unserer kleinen Familie in der Südoststeiermark geworden sind, und in deren Herzen wir über all die Monate langsam trotz des von mir getöteten Huhns Einzug gehalten haben. Auch wenn unser größter Wunsch der ist, dass wir alle gemeinsam einmal ein kleines Anwesen bewohnen, möchte ich mich an dieser Stelle bei den beiden älteren Herrschaften und ihren beiden erwachsenen Kindern bedanken, dass sie uns so herzlich aufgenommen und eine so schöne Bleibe gewährt haben.

(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)