KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Wiedersehen macht Freude - geliebte Panikattacke…

(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)

Allmählich bekam Frauli ihren Würgereiz, wenn sie am verräterischen Liebesnest der auf scheinbar ständigen Körperkontakt Bedachten vorbeifuhr, ganz gut in den Griff und hatte auch nicht mehr das Bedürfnis nach unangemeldeten, von Eifersucht getriebenen und in peinlichster Verlegenheit mündeten Überraschungsbesuchen. Gewisse Situationen im Leben, mein lieber, die Worte eines Hundes beachtender Leser, sind wohl am besten einfach anzunehmen, und wenn man das, ohne im zerstörerischen Chaos von Selbstmitleid zu versinken, geschafft hat, lässt sich oft später ein verborgener Segen in ihnen entdecken. Frauli konnte damals, sosehr sie sich auch bemühte, den positiven Sinn ihrer - in ihren Augen völlig gescheiterten - Existenz zu entdecken, allerdings noch nicht einmal erahnen, dass all das, was sie in dieser Zeit erlebte, doch wirklich das größte Geschenk sein sollte, das ihr das Leben je gemacht hatte. 

Wie bereits erwähnt, bestand ein Hauptaugenmerk unseres damaligen gemeinsamen Seins so etwa Mitte Februar darin, dass wir an die 80 Minuten pro Tag im Auto verbrachten, um den Teil unserer Tierfamilie, der in jenem schicksalhaften Dorf wohnte, unsere Besuche abzustatten und nach deren Fütterung ihre Kacke wegzuräumen. Eine wirklich anspruchsvolle Betätigung.
Ich denke, dass auch für Frauli diese mühevolle und einen Großteil ihres Essensbudgets auffressende Situation immer anstrengender wurde, sie allerdings in ihrer Sturheit gepaart mit (übertriebenem?) Pflichtbewusstsein nicht auf das Angebot der Stallbesitzerin eingehen wollte, die Versorgung des persönlichen Streichelzoos doch einmal am Tag ihr zu überlassen. „Hab ich immer so gemacht - werde ich immer so machen“ - war einer von Fraulis damaligen, einem alteingesessenen Bergbauern würdigen, starren Glaubenssätzen, der jeglichen Veränderungen absolut keine Chance ließ. 

Also musste sich das Leben mal wieder etwas einfallen lassen, um diese kleine, festgefahrene Seele  aufzuwecken und zu etwas mehr Weitblick zu ermutigen. Und was macht man bzw. Leben mit jemanden, der sich absolut stur und beratungsresistent in ein weiteres Desaster manövriert? Genau - mit ein bisschen Aufrütteln ist es bei solch starrköpfigen Wesen wie Frauli nicht abgetan - da muss  schon zu  drastischeren Mitteln gegriffen werden, um sich Gehör zu verschaffen:
Als wir eines Tages nach dem Besuch am Ponyhof auf dem Nachhauseweg waren, wurde Frauli plötzlich ganz schlecht, die Arme und Beine wurden leicht taub und das Gehör hatte so seine Aussetzer. „Scheiße“ - noch immer ein sehr häufig gebrauchtes Wort zur damaligen Zeit, „das könnt ihr mir (wen auch immer sie mit „ihr“ meinte) nach der ganzen anderen Scheiße (entschuldige) echt nicht auch noch antun.“ Sprach’s und fuhr bereits leicht hyperventilierend auf den nächsten Parkplatz. „Atmen“, war einer jener Tipps, den ihr ein junger und keineswegs unattraktiver Rettungssanitäter, wie Frauli trotz persönlichen Notfalles feststellen konnte, vor 10 Jahren, als sie sich genau in derselben misslichen Lage befand, gegeben hatte. „Was soll ich denn sonst tun, du Klugscheißer“, hatte sie damals im Krankenwagen dem jungen Mann erwidert, der noch gemütlich seinen Burger fertig aß und offensichtlich nicht davon ausging, dass das in eine Plastiktüte atmende Frauli bald von dieser Welt schwinden würde.
Also wurde auch diesmal ordentlich geatmet - Bauchatmung versteht sich - und versucht Ruhe zu bewahren. Arme und Beine waren allerdings fast schon gänzlich taub und der Blick ihrer Augen wurde immer verschwommener - wirklich eine hervorragende Gelegenheit sich in innerer Ruhe und Gelassenheit zu üben. „In einer solchen Situation,“ erzählte sie mir später einmal, „denkst du wirklich, du wirst in jedem Augenblick umfallen.“ Ach ja - Falls du es noch nicht mitbekommen hast:  Frauli hatte eine gute, alte Panikattacke. 

 

 

Mit zitternden Händen wählte sie dann doch die Notrufnummer, um ihre miese Lage sowie den Standort ihres Autos zu schildern und bat, falls es noch schlimmer werden würde, später nochmals anrufen zu dürfen - bei der Höchststufe der Panikattacke sozusagen. „Worauf wollen sie denn warten?“ fragte die nette Dame in der Vermittlung verwirrt, um sogleich den nächsten freien Rettungswagen in unsere Richtung zu schicken. Da Frauli seit der Ausfahrt mit dem bereits erwähnten jungen Mann, der seinem Abendessen mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem in eine Tüte atmenden Frauli (ein Verhalten, das sie auch an anderen Männern in ihrem Leben immer wieder beobachten, allerdings nicht wirklich deuten konnte) und sich obendrein nicht darauf einließ, vorzeitige Wiederbelebungsversuche an ihr probehalber durchzuführen, dieser Institution nicht mehr übermäßig großes Vertrauen entgegen brachte, wurde ihre Freundin und Notfallapothekerin, ja schon fast Fraulis Hausärztin, angerufen und um die Herbeischaffung eines Beruhigungsmittels gebeten. Da der arme Körper eines so verwirrten Geistes am höchsten Punkt einer solchen Panikattacke enormem Stress ausgesetzt ist, muss man ihm mit chemischen Mitteln behilflich sein, sich wieder zu beruhigen. Da nützen pflanzliche Kügelchen, Quigong - und Yogatechniken oder der einst gut gemeinte Rat der Wirtin aus Fraulis Heimatort, bei jedweden Beschwerden sei es das beste, möglichst viel kaltes Wasser zu trinken, einfach nicht mehr. Da kannst du einen ganzen Teich ausschlürfen - besser wird es allerdings nicht. 

Die Wartezeit im Auto verbrachte das schon fast vollkommen bewegungsunfähige Frauli damit, den 10 Jahre zurückliegenden Ratschlag zu atmen zu befolgen und die zu ihrer Rettung herbeigeeilten und diesmal nicht annähernd so attraktiven Sanitäter, soviel konnte sie gerade noch erkennen, wieder dankend in die Klinik zurück zu schicken. Sämtliche ihrer Versuche, Frauli, deren Gesichtsfarbe zu diesem Zeitpunkt bereits einem in der Sonne glänzenden Schnee glich, mit dem einzigen Unterschied, das bei ihr jeglicher Glanz fehlte, zum Mitfahren zu überreden, wurden mit bereits bekannter Sturheit entschieden zurückgewiesen. „Man kann einem Esel auch nicht beibringen, Gold zu scheißen,“ dürften sich die beiden Männer gedacht haben, als sie von einer im Auto Hyperventilierenden geschlagen ihren Rückzug antreten mussten. 
Endlich von ihrer Haus- und Hofapothekerin mit einem Beruhigungsmittel - welches freilich bloß die Symptome, keinesfalls allerdings die Ursachen eines solchen Gemütszustandes, behebt - versorgt, trat Frauli von ihr begleitet den Nachhauseweg an, um sich von diesem Erlebnis zu erholen und - man mag es kaum glauben - über Veränderungen nachzudenken. 

 

JA - PANIKATTACKE - DU GUTE, ALTE FREUNDIN, VIELLEICHT GELINGT ES MIR DICH ALS SEGEN ZU SEHEN UND NICHT ALS FLUCH.