KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

...und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt auch noch kein Licht daher.

(Wie alles begann: KAYAS WUNDERSAME REISE - TEIL 1)

Nachdem sich Frauli von ihrem Schrecken über den Einbruch in ihr Auto erholt hatte, fuhren wir zu unserer diesjährigen (und meiner ersten) Silvestereinladung zu einer Bekannten, die auf einer kleinen Ranch wohnte. Dieser Ort wurde wohl auch mir zuliebe ausgewählt, da auf eben diesem Hof auch zwei Hunde wohnten. Also ich kann ihm Nachhinein zu meiner ersten Silvestersause durchaus sagen, dass ich es sehr gemütlich und lustig mit meinen Artgenossen hatte. Ich denke allerdings, dass Frauli, nachdem ihr eröffnet wurde, dass man mit unserem Eintreffen nicht mehr gerechnet (schließlich war es ja „schon“ 19 Uhr) und aus diesem Grund die versprochenen Vorbereitungen, wie z.B ein Essen, nicht mehr getroffen hat, schon ein wenig enttäuscht war. Oder ein bisschen traurig, da sie sich in diesem Moment an die vielen schönen Abende mit ihren Freunden und Geschwistern auf der familieneigenen Almhütte erinnerte. „Andererseits - wie viele Menschen sind an solchen Feiertagen durch die verschiedensten Umstände alleine“, dachte Frauli bei sich, und durch diesen Dankbarkeit erweckenden Gedanken gestärkt und der Tatsache, dass ihre liebe Freundin samt Gefährten überraschenderweise auch zu Besuch kam, erleichtert, wurde dieser Abend dann doch noch ganz unterhaltsam. Ich denke, dass es von jeder Situation immer zwei Sichtweisen gibt und es lediglich darauf ankommt, für welche Wahrnehmung man bzw. Mensch sich entscheidet.

Um 23 Uhr wurde unser erstes gemeinsames Silvesterfest für beendet erklärt und die Gäste höflich, allerdings aufgrund einer plötzlich einsetzenden Müdigkeit der Gastgeberin auch sehr bestimmt dazu aufgefordert, doch bitte den Heimweg anzutreten. So wurde ich ins Auto geladen und die halbstündige Autofahrt in der freudvollen Erwartung auf die erste Nacht in unserer neuen Bleibe angetreten. Als Frauli dann unsere Wohnung aufsperrte und im neu erworbenen Vorraum den Lichtschalter suchte, fiel ihr das plötzlich wieder ein, was sie den ganzen Abend über - um der persönlichen Stimmung keinen Abbruch zu tun - verdrängt hatte: Es gibt zwar einige Lichtschalter hier - allerdings keinen Strom! Okay- einen Moment bitte: Für was braucht man noch gleich einmal Strom? Ach ja: Für das Licht, für den Warmwasser - Boiler, das Handyladegerät, das Backrohr, die Kaffeemaschine, den Fön. „Scheiße“ dachte Frauli, „jetzt kann ich ja gar niemanden anrufen oder Neujahrswünsche schreiben,“ da der Akku des Mobiltelefons zu diesem Zeitpunkt bereits seinen persönlichen Tiefstand erreicht hatte. „Ist halt so - andere Menschen haben nicht einmal eine Wohnung“, versuchte Frauli tapfer die neu gewonnenen Erkenntnisse der Dualität aller Dinge und Situationen in der Praxis anzuwenden. So wurden im Dunkeln Kerzen in den unzähligen Umzugskartons, die in der Wohnung kreuz und quer in der Gegend herumstanden und auf ein baldiges Auspacken warteten, gesucht, gefunden und in der Küche auf das breite Fenstersims gestellt, auf dem auch das ganze Frauli Platz fand, um von dort aus das ortseigene Feuerwerk zu genießen. Ja - so war es - unser erstes gemeinsames Silvester, das den Beginn des Jahres 2016 einleitete.

Bis zu dem Tag, als endlich jemand bei uns vorbeikam, um die ersehnte Elektrizität einzuschalten, lebten wir die halbe Zeit bei Fraulis Freundin am, bzw. neben dem Sofa - okay, ich gebe es zu: am Sofa - und genossen eine liebenswerte Gastfreundschaft samt Zutritt zur Warmwasserquelle dieses Hauses. Ja: Fast jede Situation hat auch ihre schönen Seiten, vorausgesetzt, man ist gewillt diese auch zu sehen.

Ich sagte „fast“. Denn in der nächsten Geschichte, die ich euch jetzt erzählen möchte, hatte Frauli wirklich sehr lange, fast ein Jahr, gebraucht, um den verborgenen Segen zu erkennen. Es ist dies jene unserer finanziellen Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten: Fraulis Erspartes, okay - das Ersparte ihres Papas, das er ihr gegeben hatte, um den dreiwöchigen Aufenthalt im langsam im Gedächtnis verblassenden Gesundheitsgut und die für die Bildungskarenz notwendigen Ausbildungen zu bezahlen, war aufgebraucht. Da Geldangelegenheiten nicht unbedingt zu ihren Qualitäten bzw. Vorlieben zählen, beschloss Frauli den Bankberater ihres Vertrauens zu konsultieren, um mit diesem einen Finanzplan zu erstellen. Das ernüchternde Ergebnis dieses offiziellen Gespräches war die Erkenntnis, dass uns allen 400 Euro im Monat zum Leben bleiben - sprich 100 Euro in der Woche. Doch damit nicht genug: Der eigentlich ganz freundlich wirkende Fachmann für Finanzierungspläne schnitt Fraulis Kreditkarte vor ihren entsetzten Augen mit einem zufriedenen Lächeln einfach in der Mitte durch. Das erschütterte sie dann doch ein wenig, hatte sie doch mit diesem Wunderding sämtliche Flüge, Urlaube - und zwar bevorzugt Wochenende mit ihrer Schwester in so einem 5-Sterne-Schuppen, Onlinefilme und diverse „Kleinigkeiten“ im Internet gebucht bzw. bestellt. So langsam dämmerte es ihr, dass all diese Annehmlichkeiten nun wohl nicht mehr möglich wären und sie fühlte sich als furchtbar armes Opfer dieser bösen Welt. Und natürlich waren wieder einmal alle anderen dafür verantwortlich. Wie schon einmal erwähnt, hielt Frauli damals noch nicht viel von alten Weisheiten wie Selbstverantwortung oder Reichtum im Inneren. Im Gegenteil: Sie gingen ihr sogar furchtbar auf die Nerven, da sie ja verhindern, die „Schuld“ für die jeweilige Lebenssituation im Außen zu suchen.

Nachdem er dann noch das Wochenlimit der Bankomatkarte auf 100 Euro beschränkt hatte, verabschiedete sich der in seinem Tun sehr unangenehm auf Frauli wirkende Bankmitarbeiter mit einem sowohl bemitleidenden, als auch aufbauenden: „Viel Glück!“

Sie tat mir zwar nicht Leid, allerdings hatte ich schon ein wenig Mitgefühl mit Fraulis damaliger finanzieller Lage, da ich gesehen habe, dass sie oft lieber für mich einen Knochen oder ein gutes Futter für die anderen Tiere gekauft hat, als sich selbst etwas zu leisten. Andererseits hat sie dadurch eine bis dahin noch unbekannte tiefe Dankbarkeit für so vieles, das für sie früher selbstverständlich war, entwickelt, die sie im Inneren tief verändert hat. Und sie hat eine ganz neue Hilfsbereitschaft von Menschen in ihrer Umgebung erfahren, die zuvor zum einen durch Fraulis Beamtengehalt nicht notwendig gewesen wäre, und die Frauli, welche Freunden gegenüber immer gerne in ihren Möglichkeiten großzügig war, zum anderen auch gar nicht angenommen hätte. Eine von vielen solchen Erlebnissen des vergangenen Jahres möchte ich euch an dieser Stelle erzählen: Zu Beginn kam Frauli mit dem aufoktroyierten Wochenlimit noch nicht so gut zurecht bzw. vergaß sie manchmal, dass die Karte eine neue persönliche Grenze, die zu überschreiten unmöglich war, hatte. Als sie an einem Sonntag 20 Euro in ihr Auto tanke, um auch in den nächsten Tagen zu ihren Pferden fahren zu können, welche noch immer im Gesundheitsgut residierten und deren weitere Geschichte ich euch ein anderes Mal erzählen werde, „ging“ die Karte nicht. „Scheiße“ - ein damals sehr oft benutztes Wort - dachte Frauli, „wie soll ich nun meinen Benzin bezahlen?“ Da ihr die neue finanzielle Lage damals noch sehr peinlich war, stammelte sie irgendetwas von „Karte kaputt - Kreditkarte nicht dabei“ und überlegte fieberhaft, was sie denn machen soll. Plötzlich erhob sich ein älterer Herr von seinem Hocker an der angrenzenden Tankstellenbar und erklärte sich bereit, Fraulis Rechnung zu übernehmen. Sie hasste es annehmen zu müssen, doch was sollte sie sonst tun? So lernte sie mit dieser Situation etwas, was ihr immer schwer gefallen ist: Das dankbare Annehmen. Einfach „Danke sagen“ - ohne das Gefühl zu haben, sofort etwas zurückgeben zu müssen, was sie zuvor immer gedacht hatte, dass es von ihr verlangt werde. Könnt ihr das - dieses einfache Annehmen? Dann seid ihr schon viel weiter als Frauli damals war. Denn bei ihr dauerte es sehr lange, bis sie etwas „einfach“ annehmen konnte - und ich denke, es ist auch jetzt noch eines ihrer Lernfelder.

Ein freundlicher, älterer Herr hatte also unsere Tankrechnung übernommen und Frauli auf einen Kaffee eingeladen - auch heute trinken die Beiden noch gelegentlich etwas gemeinsam und plaudern über das aufregende Spiel, das sich Leben nennt. Natürlich fuhr sie am nächsten Tag bei der Tankstelle vorbei und hinterlegte das Geld für ihren neuen Bekannten, auch wenn es bedeutete, dass unser Wochenbudget auf 80 Euro gesunken war und es viele Nudel und Erdäpfel mit Butter Tage für Frauli geben würde. Allerdings - was hatte Frauli gelernt? Genau: Wie viele Menschen gibt es, die weder Erdäpfel noch Butter zum Essen haben ;-)