KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Der Weg von der rumänischen Strassenhündin zur Therapiehündin

ODER: WIE DER GLAUBE AN UNS SELBST BERGE VERSETZEN KANN.

Kayas wundersame Reise - so fing alles an: TEIL 1 | TEIL 2 | TEIL 3

Also erst einmal die gute Nachricht: Frauli bekam von ihrer Freundin eine Stelle in deren eigener Apotheke angeboten - geringfügig versteht sich - mehr darf man in der Bildungskarenz nämlich nicht dazu verdienen. Aber immerhin hatten wir 400 Euro im Monat mehr zum Leben. Ich korrigiere: Wir hatten alle gemeinsam 400 Euro im Monat für unser Leben. Das ist allerdings noch die gute Nachricht, die schlechte war die, dass sich unsere zukünftige Bleibe sprichwörtlich in Rauch aufgelöst hat - wie sich das zugetragen hat? Das möchte ich euch heute erzählen: 
Wie bereits erwähnt, bekam Frauli von einem Bekannten die Zusage, ein kleines Häuschen mit angrenzendem Stallgebäude (mit einsturzgefährdeter Decke, sie war allerdings optimistisch, das man das bestimmt schnell reparieren lassen kann) zu günstigen Konditionen zu mieten. Das sehr heimelige Gesundheitsgut schloss Ende des Jahres für eine Phase des Umbaus seine Pforten, und so wurde mit bereits bekanntem Klinikleiter vereinbart, dass wir nach Weihnachten (wir sprechen von den Feiertagen des Jahres 2015) unser gemütliches Gästezimmer räumen, um nicht weit entfernt das von außen doch ganz niedlich wirkende Häuschen zu beziehen. Mein Frauli und ich hatten es uns einmal ganz kurz angesehen, zugegebenerweise war es nicht gerade luxuriös und die dort herrschende Kälte machte mir als Hund natürlich nicht viel aus, allerdings hätte ich von meinem Frauli doch mehr Weitblick erwartet. Sie war jedoch stur davon überzeugt, dass das für uns alle genau das Richtige ist - ich hätte nämlich endlich wieder einen Garten und die alte Katze ein wenig Auslauf nach dem dreimonatigen, beengten Aufenthalt in einem Gästezimmer. Die Pferde könnten endlich wieder morgens mit dem Pyjama gefüttert werden - und überhaupt - Frauli hat ja immerhin noch niemals nicht in einem Haus gewohnt. (Sag niemals nie - das kann ich euch an dieser Stelle schon verraten ;-))

So wurde der Umzug beschlossen und Frauli fuhr mit uns, sprich Hund und Katze, zu ihrer Familie, um mit ihr gemeinsam Weihnachten zu feiern. Das war ganz schön merkwürdig für sie - getrennt von ihrem Gefährten, ohne Job, ohne Geld und wohnend in einer psychiatrischen Klinik. „Schäme ich mich? Wofür sollte ich mich schämen? Vor wem? Ich schäme mich. Nein - ich bin stolz auf mich - und schäme mich doch - ein bisschen zumindest.“ So und ähnlich sahen ihre Gedanken in den nächsten Tagen aus, und Frauli merkte, dass sie Besuche bei Freunden und Bekannten mied, um sich nicht erklären zu müssen. Trotz allem waren es sehr gemütliche Feiertage in ihrem alten Zuhause und Frauli eröffnete ihrer Familie freudestrahlend die Nachricht, dass wir nach Weihnachten in besagtes Häuschen ziehen würden. Da sie es alle noch nicht kannten (und bis auf ihren Bruder auch niemals kennen lernen würden), wurde es - auch aufgrund der günstigen Miete - mit einem billigenden Kopfnicken als gute Idee empfunden und etwaige Hilfe für den Umzug angeboten. So vereinbarte Frauli, dass ihr Bruder gemeinsam mit einem Freund am 27. des Monats mit dem hauseigenen Firmentransporter anrücken würde, um ihr Frauli ein Bett samt Matratze zu bringen und ihr ein wenig beim Siedeln zu helfen. Auch eine gute Freundin hat sich für diesen Tag als Hilfe angesagt.

 

 

Und dann kam dieser desaströse Tag: Frauli hat mit dem Klinikleiter ausgemacht, dass sie an diesem Tag ausziehen werde, die Pferde allerdings erst ein wenig später nachholen würde. (Sie glaubte anscheinend wirklich daran, dass der alte Schaf- oder Schweinestall wie durch ein Wunder wieder eine gerade Decke bekommen würde.) Wir beide machten uns mit dem bereits erhaltenen Schlüssel unserer neuen Bleibe auf, um erste Vorbereitungen für den Einzug zu treffen und um ein wenig sauber zu machen - ein Bagger zum Wegschieben wäre meiner Meinung nach sinnvoller gewesen. Freudestrahlend ließ mich Frauli im angrenzenden Garten von der Leine und schloss erwartungsvoll die alte Holztür des Gemäuers auf - und staunte: War das ganze Gerümpel bei ihrem letzten Besuch auch dagestanden? Wohin sollte sie bitteschön mit dem ganzen, in Kisten übereinander gestapelten Zeug einer längst vergangenen Zeit? Und warum ist es draußen (man beachte bitte das Datum!) so viel wärmer als drinnen? Und wem gehört all das Klumpert im Bad? Und das ganze Geschirr? Oje - Frauli bekam nach langer Zeit wieder einmal eine Krise - wie bitteschön sollte sie das in der nächsten Stunde alleine bewerkstelligen, bevor besagte Freunde eintrafen, um beim Siedeln und nicht beim Entrümpeln zu helfen? Da Krisen ja bekanntlich die eigene Energie blockieren, beschloss Frauli, kein Bier trinken zu gehen, sondern begann tapfer mit den Aufräumarbeiten im Bad, an dessen vergilbtem Spiegel sich zarte Eisblumen abzeichneten. Dazwischen wärmte sie sich bei mir in der Sonne auf. Plötzlich stand da unser zukünftiger Vermieter lächelnd im Garten, mit der Bitte, Fraulis Bruder möge doch bitte so nett sein, all die Kisten (an die 30) zu einer Wohnung zu bringen. Na bums. Was sollte sie darauf erwidern: Immer noch nicht gelernt Nein zu sagen, erwiderte Frauli, dass sie darüber mit dem Bruder erst sprechen müsste, sie denke allerdings schon, dass er sich dafür bereit erklären würde. Falsch gedacht - das kann ich euch jetzt schon verraten! Völlig überfordert mit dieser Situation, beschloss Frauli bei mir in der Wintersonne zu warten (drinnen war es ja, wie bereits erwähnt, viel zu kalt) und sie dachte, dass das schon irgendwie gut werden würde - zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit falsch gedacht. Wenig später kam Fraulis liebe Freundin aus der Obersteiermark angerollt und wurde erleichtert begrüßt. Sie ließ sich willig von Frauli durch das erfrischende Häuschen führen und staunte nicht schlecht: Hat Frauli nicht gesehen, dass in der Küche ein Baum durch das Mauerwerk herein wächst? Oder bemerkt, dass die Fenster so gut wie gar nicht schließen und man sie eigentlich auch gleich ausbauen könnte? Oje - darauf hat Frauli wirklich nicht geachtet, ihr war es nur so wichtig, dass sie mit ihren Tieren gemeinsam eine Bleibe findet. Meiner Meinung nach eine durchaus übertriebene Tierliebe. Sei's wie's sei - bemühte Freundin war zumindest kundig darin, Feuer in den zwei Öfen zu machen, welche die einzige Heizquelle in dieser, ich sags ja einfach mal, Bude darstellten. Eine Feuermacherin - Frauli war entzückt, denn wenn es einmal warm sein würde, dann sähe die Situation ja doch gleich viel besser aus. Dass diese Aufgabe in einer zum Glück niemals stattfindenden Zukunft die ihre sein würde, daran dachte sie wohl in diesem Moment auch nicht.

Und schon rollten die nächsten Helfer an: Ein nicht ganz so begeistert dreinblickender Bruder mit einem süffisant lächelnden (oder war es verzweifelt) Freund als Unterstützung. Fast gleichzeitig mit ihrem Eintreffen zeigte sich, dass der Hauptofen in der Küche wohl nicht mehr zieht, und innerhalb weniger Sekunden stand das ganze Häuschen unter Rauch. Beissender Qualm trifft es vielleicht eher. So kam der Bruder - sah das Desaster - und ging.  Venit-Vidit-Abiit. Und zwar mit dem Bett. Zuvor hat er seine Schwester flehentlich gebeten, doch endlich mal Vernunft anzunehmen und ihre Freundin, dass sie ihr doch diese Vernunft bitte beibringen möge. Seiner Meinung nach wäre das Gebäude höchstens für Schafe geeignet - und auch nur dann, wenn man sie im Herbst zuvor noch nicht geschoren hätte. Da standen sie nun, zwei obersteirische Mädels vor einem qualmenden Haus in der Südoststeiermark. Und was tut man in einer solchen Situation? Man fährt in ein Ca­fé und trinkt einen leichten Sommerspritzer. Zuvor wurde natürlich alles gut durchgelüftet und der nicht erfreute Vermieter angerufen, um ihn über die neue Lage zu informieren. Im Nachhinein dankte Frauli ihrem Bruder von ganzem Herzen, dass er an diesem Tag da war und sie vor einer wirklichen Dummheit (eigentlich zwei) bewahrte: chronische Lungenentzündungen oder wiederholte Rauchgasvergiftungen.

 

 

Im nächstgelegenen Kaffeehaus wurde dann eine Lagebesprechung gebracht und eine weitere, einheimische Freundin hinzugezogen: Frauli hatte nun vier Tage Zeit, um eine Wohnung (merkt ihr: das erste Mal wurde eine Mietwohnung erwogen) und einen Stall zu suchen.  Die gute Laune trübte sich ein wenig, wurde mit ein paar weiteren Spritzern vorübergehend gehoben und eine ausführlichere Planung auf den nächsten Tag verlegt - es würde doch irgendwie möglich sein, zwischen Weihnachten und Silvester eine nette Bleibe zu finden.