KAYA - EINE WUNDERSAME REISE

Der Weg von der rumänischen Strassenhündin zur Therapiehündin

ODER: WIE DER GLAUBE AN UNS SELBST BERGE VERSETZEN KANN.

 

Gestattet mir, mich vorzustellen: Mein Name ist Kaya, ich bin ein undefinierbarer Mix von Rumäniens Straßen und über die Umwege eines Tierheimes bei meinem Frauli gelandet. Das Foto vorne am Buch ist das erste, das mein Frauli von mir gemacht hat - das mit dem „Armer-Dackel-Blick“ - so habe ich nur drein geschaut, damit sie mich mitnimmt ;-)! In Wahrheit bin ich mittlerweile eine recht große Hundedame, die sich nicht viel sagen lässt und trotz eifrigen Übens, Bestechens, Schimpfens und Verzweifelns (und das jede Woche immer wieder von vorne im gleichen Rhythmus) meiner durchaus netten, allerdings ein wenig inkonsequenten Besitzerin, noch immer nicht an der Leine gehen kann und fremde Hunde zum Anbeißen „gern“ hat. 

Sinniert mein Frauli auch mindestens einmal pro Woche darüber nach, warum sie sich mich in ihr Leben geholt hat, so sind wir in den letzten fast eineinhalb Jahren doch gute Gefährtinnen geworden und haben einige Abenteuer erlebt, welche ich euch gerne in dieser Geschichte mitteilen möchte: Es ist dies eine Erzählung unserer gemeinsamen Reise durch das Jahr 2016, mit vielen Freuden, einigen Tränen, neuen Freunden, aufregenden Veränderungen, zwischenzeitlichen Zweifeln und neuen Hoffnungen. Eine Geschichte, die - da sie mit dem Zeitpunkt beginnt, dass Frauli erstaunt feststellen musste, dass sie es mit 35 Jahren doch ernsthaft in eine psychiatrische Privatklinik geschafft hat - zum einen auf durchaus humorvolle Weise Menschen, die sich vielleicht auch gerade in einer schwierigen Situation befinden, neuen Mut schenken soll, und zum anderen zeigen darf, dass der Glaube an einen selbst wirklich Berge versetzen darf - oder zumindest Hügeln - bei uns sind es halt noch kleine Hügel ;-)

 

 

Also - dann lade ich euch ein, an unserer Reise teilzunehmen - die im November 2015 begonnen hat: Frauli hat sich damals gerade von ihrem menschlichen Gefährten getrennt und war als Gast in eben besagte Klinik für Menschen mit psychischen Problemen gezogen. Sie hatte nämlich erkennen müssen, dass ihr großer Traum mit dem Gefährten gemeinsam auf einem kleinen Hof samt Pferdestall in der Südoststeiermark doch nicht wirklich ihrer war - auch wenn sie es sich noch so einredete, sich bemühte, immer wieder hoffte. „Es muss doch funktionieren“- dachte sie sich oft bei sich - alle fanden es so schön bei ihnen und der herrliche Reitplatz war doch gerade auch erst fertig geworden. Und der neue Job an der neuen Schule - sie konnte jetzt doch nicht einfach wieder nach Hause gehen und sagen „Ausgeträumt - da bin ich wieder!“ Und überhaupt - ihre Familie und Freunde fanden den Gefährten doch alle so nett - was würden die sich denken, wenn sie all das Schöne, was er ihr zuliebe für sie und die Pferde gebaut hatte, einfach aufgeben würde? Was sollte sie also tun - wie kam sie aus dieser Situation wieder heraus, dass es für alle passte? (Damals erkannte mein Frauli noch nicht, dass das einzig wichtige Urteil, auf das man hören sollte, das eigene ist). Monatelang drehten sich ihre Gedanken im Kreis, die Situation zwischen ihr und ihrem Gefährten wurde immer unerträglicher für beide, der Alkohol ein immer wichtiger Tröster: Ja - sie hat viel getrunken damals - viel zu viel wohlgemerkt, allerdings schien ihr das die einzige Möglichkeit zu sein, ihre innerliche Verzweiflung zu ertragen. 

Eines Tages, wie so oft saß Frauli auf der Veranda und trank zügig ein Fläschchen Wein - versuchte sie ganz sachte mit einem Messer, das zur Öffnung eben besagter Flasche zugegen war - ein wenig auf ihrem Bein zu ritzen - ganz sachte, allerdings um zu spüren, ob sie denn noch etwas anderes als diese dunkle Hoffnungslosigkeit empfinden konnte. Und das tat sie: Nämlich die Erkenntnis, dass das so nicht weitergehen konnte und sie schleunigst etwas ändern müsste! Gesagt getan - ein wenig Intelligenz hat man ihr ja immer nachgesagt, und so beschloss sie gleich einmal einen Psychiater zu kontaktieren - ihrer Meinung musste da ein wirklicher Fachmann herangezogen werden und so wurden die Stufen Psychologe und Psychotherapeut gleich mal übersprungen. 

Zwei Tage später saß mein Frauli mit 35 Jahren nun das erste Mal einem richtigen Psychiater gegenüber - da kann man sich auch gratulieren ;-)! Nach einer Erstaufnahme wurde eine manische Depression vermutet - Stimmungsschwankungen zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt (Ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte). Sie war überaus erfreut dem Problem nun endlich einen Namen geben zu können und überaus überzeugt davon, dass sich all ihre Probleme mit ihrem Gefährten nun auch lösen könnten (Ein weiterer Irrtum, wie sich später herausstehen sollte). Beschwingt durch eben jene Diagnose wurden erstmals sämtliche Informationen über diese Depression im Internet recherchiert und die wichtigsten Personen darüber in Kenntnis gesetzt - unter anderem auch der Schulleiter von Fraulis Schule - großartig!

Als ihr Gefährte dann am Abend nach Hause kam und Frauli ihm die freudige Botschaft verkündete, da war seine Reaktion dann doch nicht so, wie ursprünglich vermutet: Er sah sich in seiner Meinung zwar durchwegs bestärkt, doch mit ihr gemeinsam das Problem an den Hörnern zu packen und Frauli ein wenig zu helfen - dafür fehlte wie so oft leider wieder seine Zeit. 

 

 

„Na dann“ - dachte sich Frauli, „dann muss ich das wohl alleine schaffen“. Packte ihre Koffer und zog für drei Wochen in bereits bekannte Klinik - eine Woche war ihrer Meinung nach zu wenig, um solch massive Schäden zu reparieren. Als sie dort ankam, war sie so aus dem Gleichgewicht, dass sie nicht mal mehr auf einem Bein stehen konnte und Tabletten nehmen musste, um schlafen zu können. Erstaunt stellte sie allerdings fest, dass es auch den anderen Gästen dort ähnlich erging - und das unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Stand. „Was“ - begann Frauli zu überlegen - „passiert all den Menschen, damit sie sich in eine solche Situation manövrieren? Warum gibt es so viele Menschen, die Tabletten benötigen, um ihren Alltag zu meistern? War das früher auch so? Warum brauche ich mit 35 Jahren Psychopharmaka, um nicht das Gefühl zu haben, an mir selbst zu ersticken?“ Für einige dieser Fragen wurden mittlerweile Antworten gefunden - ob sie „richtig“ sind oder nicht, das kann ich euch nicht sagen - für Frauli waren sie zumindest hilfreich und heilsam.

Afoot and lighthearted, I take to the open road, healthy, free, the world before me.
— Walt Whitman

Wie dem auch sei - in den folgenden drei Wochen war Frauli erstmals wirklich dazu aufgefordert, über sich und ihr bisheriges Leben nachzudenken. Sie „musste“ Sport machen, reden, spazieren (unter Begleitung - humorvoll hat sie mir mal erzählt, dass sie nicht alleine spazierten) wieder reden, schreiben, noch viel mehr reden, malen (sie tat es, obwohl sie vorab verkündet hatte, sie würde sofort abreisen, wenn sie zum Malen aufgefordert werden würde - alles hat eine Grenze) noch mehr reden und durfte einfach sein - so wie sie ist - ohne für irgendetwas bewertet zu werden. Ich glaube, es waren eine der drei schönsten, wenn nicht überhaupt DIE schönsten drei Wochen in ihrem Leben, da sie langsam aus dieser Verzweiflung erwacht ist und wieder neuen Lebensmut gefasst hat. Sich selbst spüren - das war ein großes Geschenk nach der langen Zeit der Betäubung.